Leise ging sie wieder davon, setzte sich auf die Bank, auf der sie zuvor ihren Onkel gesehn hatte, und versuchte, sich in die Zeit der Friedliebenden Gesellschaft zurückzuversetzen, indem sie nicht zu Ulrika ging, da die Zeit zur Begrüßung von selber herankommen würde. Sie öffnete die Druckschrift, sah zu Bogner hinüber, sah empor und erblickte das Gesicht von Saint-Georges’ Bruder zart und rosig an seinem Fenster, nickte ihm zu und winkte. Er, tief errötend wie stets, sprach ins Zimmer hinein, und gleich darauf erschienen Magdas Gesicht und schwarzbekleidete Schultern, die nickte und lächelte, dann auch Saint-Georges. — Sie zogen sich wieder zurück. Renate blätterte zum Anfang des Buches, hier und da einen Blick hinein stechend, blieb haften mit einem und las:

‚Und was kann schließlich die Darstellung eines kleinen Vorgangs auf Erden, der Bericht über einen ärgerlichen Nachbar — gleichviel ob in der angrenzenden Stube oder im angrenzenden Weltteile — mit jener Musik, die durch das Weltall zieht, gemeinsam haben?‘

Hineinsinnend in das königliche Wort hob Renate die Augen. Auf der Veranda stand Magda, schmal, im hängenden schwarzen Kleid, aber schön bräunlich von Antlitz. Bogner hatte wohl ein Geräusch gehört, drehte sich um, sah Magda, winkte ihr zu und erhob sich. Bogner war braun wie ein Affe, an den seine Augenhöhlen jetzt mehr als früher erinnerten; hier war Einer immer brauner als der Andre. Jetzt entdeckte er auch Renate, lächelte, warf sein Buch zu einigen andern in den Rasen, kam und streckte ihr die Hand hin. Sie möchte nur entschuldigen, er säße schon ein paar Wochen jeden Tag hier und studierte, ja, er wollte nun die ganze Friedliebende Gesellschaft malen, ein bei ein, sechs Meter lang, fünf Meter hoch. Nein, sitzen brauche ihm niemand, antwortete er auf Renates Frage, wäre alles schon fertig von damals her.

Indem kam Ulrika von der Kapelle her, gelbweiß gekleidet, und war richtig auch so braun wie ein Mulatte, nein, eher kupfern, und sie sagte gleich tief beschämt, ihr Haar sei nun glücklich übergeflossen. Das Heft auf der Bank neben Renate entdeckend, raffte sie’s auf und sagte, sie müßte Renate eine Stelle vorlesen. Während sie noch suchte, kamen Magda und Saint-Georges, es gab ein langes Händegeschüttel, dann hatte Ulrika gefunden und las:

„‚Wohl ist es der Musik gegeben, die menschlichen Gemütszustände schwingen zu lassen: Angst, Beklemmung, Erstarkung, Weichheit, Aufregung, das Überraschende‘ und so weiter —“ sagte Ulrika — „‚ebenso den inneren Widerklang äußerer Ereignisse, die in jenen Gemütsstimmungen enthalten sind. Nicht aber den Beweggrund jener Seelenregungen‘ — und so weiter! Nun: ‚Ebenso vergeblich ist es, moralische Eigenschaften, Eitelkeit, Klugheit in Töne umzusetzen, oder gar abstrakte Begriffe wie Wahrheit und Gerechtigkeit ... Könnte man denken, wie ein armer, doch zufriedener Mensch in Musik wiederzugeben wäre? Die Zufriedenheit, der seelische Teil, kann zu Musik werden; wo bleibt aber die Armut, das ethische Problem, das hier wichtig war: zwar arm, jedoch zufrieden. Das kommt daher, daß »arm« eine Form irdischer und gesellschaftlicher Zustände ausdrückt, die in der ewigen Harmonie nicht zu finden ist.‘“

Ulrika sah sich triumphierend um. Renate aber hörte weder ihre Worte, noch was die Andern sagten, ganz gefangen in ihren Blick, der von ihr, die allein saß, über die vor ihr Beisammenstehenden glitt, gefesselt von den Gesichtern, Ulrikas lebhaftem, Magdas im Zuhören äußerlich abwesendem, und Georges’ gelassenem, leicht ein wenig sarkastischem. Länger haftend an seinem, dem ägyptischen König in diesem Augenblick, wo es sich glättete und der Blick aus lichten Augen nach oben ging, ähnlicher als jemals scheinenden Gesicht — hörte sie auch ein paar seiner Worte — vom verräterischen Glanz des Bestrickenden an der schönen Form — und wußte auf einmal, weshalb sie wehmütig geworden war beim Anblick von Ulrikas Zettel oben, den sie wieder vor sich sah. Ja, damals, als es die Friedliebende Gesellschaft gab, lag in der Halle wohl, oder auf der Sonnenuhr, oder sonst irgendwo, solch ein Papierschnitz mit einem Namen, dem er galt, und einem Ort in Haus oder Garten, und nur die Handschrift zeigte an, wer ihn hingelegt hatte. In ihrer Schreibmappe mußten noch ein paar zu finden sein.

Aber wir sind ja Alle wieder da! Magda, Bogner, Ulrika, Georges! Irene, Jason, Georg, Benno sind irgendwo in der Stadt — ja, warum ist es nicht wie früher? wer fehlt denn? Ach Gott, Esther, hab ich dich wirklich so vergessen? Und Sigurd ... wo mochte der sein? — Könnte es nicht doch werden wie damals?

Da sah sie die Andern wieder vor sich stehn, schweigsam jetzt, jeder nachsinnend über etwas, wie es schien, sonderbar still, jeder für sich mit seiner inneren Welt, umgeben vom Grün, von der warmen, herbstlichen Luft — und doch alle von Nachdenklichkeit eigentümlich vereint. Es war so traumhaft ...

Nein, das war gewesen! Und das hier — das waren die Schatten davon, die zusammen kamen, um den alten Ort anzusehn. Es war —

Renate stand auf, die Andern lösten sich, und Ulrika legte den Arm um sie, fragte dies und das, erzählte, doch kam der Maler alsbald, seine Bücher unterm Arm, und nahm sie mit fort, denn er wollte durch den Wald laufen, und sie wollte mit. Ulrika immerhin schien froher und offner als jemals.