Und dort zur Linken — ja, da saß der Onkel, nicht anders scheinend als ein friedlicher Patriarch, kahlhäuptig und weißbärtig, auf der weißen Bank in der Grotte von Buschwerk, neben der ein Birkenbaum, goldgelb im Laub, leichte Wache hielt, vor sich den Rasenplatz. Gedämpft aus der Kapelle ward die Orgel hörbar — alles war wie zuvor, nicht leichter, nicht schwerer, aber — da es wieder neu war — schwerer ließ es sich auch wieder an.
Renate ging ins Schlafzimmer, zog eilig Rock und Bluse aus, wusch sich im Badezimmer, legte dunkelblaue Seidenstrümpfe, die ihr grad in die Finger gerieten, an, kleine blaue Schuh und irgendein weißes Kleid, locker und schlicht von oben bis unten, beim Zuhaken bemerkend, daß es einen hohen, anschließenden Kragen hatte, mit kleiner Rüsche, in Wellenform geschweift unter Kinn und Ohren. Als sie ihre Schatztruhe öffnete, überkam sie Erinnerung. Der freie Raum darin, den die aufgeschichteten Lederkästen ließen, war angefüllt mit dem bunten, glitzernden Gewirr des Alltagschmucks; sie griff hinein und zog ein Bündel langer Ketten heraus in allen Farben, blaugrün, rosenfarben, weiß, gelb und gelbgrün; ein mattgoldner Armreif fiel zurück, und sie ließ das Ganze wieder sinken, legte die Hand auf einen der Kästen und dachte an ihr erstes Halbjahr im Hause, wo der Onkel und Josef allwöchentlich gewetteifert hatten in Geschenken, die dann sie, immer eines bis zum nächsten, tragen mußte, abwechselnd einen Tag um den andern. Kleine Verse hatten sie dazu gemacht —
Eine Chatelaine —
Perlen nennt man Tränen.
Tränen sind aus Salz —
Schling sie um den Hals.
Ihre Augen verschleierten sich; sie löste eine lange Kette von fingernagelgroßen, länglichen Perlen aus Lapislazuli, hartblau mit goldenen Spuren, aus den übrigen, legte sie über den Nacken und ließ sie vorn bis zum Schoß herunter fallen. So ging sie, Ulrikas Heft an sich nehmend, hinunter.
In der Halle jedoch hielt ihr lebensgroßes Spiegelbild sie auf. — Wie seh ich denn aus? fragte sie sich erstaunt, ich bin ja ganz fremd geworden! — Aus dem weißen Kleidhals mit der blauen Kette stieg ihr Gesicht, fast so braun wie ihr Haar; die Wangen glühten röter als sonst, auch der Mund, und die Augen, tiefer liegend, schienen in dunklerem Feuer zu stehn. Plötzlich fühlte sie sich so angeprahlt von den eigenen Farben und Gluten, daß ihr das Blut in die Wangen schoß und sie sich abwandte. — Wofür denn nun all das, wofür? Was soll denn ich damit, und ich brauchte es ebensowenig mehr zu tragen wie den Schmuckberg da oben, der bald zwei Jahre im Finstern liegt. —
Überdem fiel ein Schatten von draußen herein, der Onkel erschien in der Tür. Auch seine Stirn, die kahle, schöngewölbte, war gebräunt, die heitern Augen hatten keinen Blick, fast verhangen vom Weiß des Bartes. Seltsam hoch und spitz — fast wie bei einem heiligen Antonius eines alten Bildes — war sein kahler Kopf. — So ging er vorüber und hinaus. Die Hände gefaltet sah Renate ihm nach.
Eine Weile später stand sie ein paar Schritt hinter Bogner. Auf dem Blatt war ein Durcheinander, von allen vier Rändern ins Weiße gezeichnet, Blätter, Zweige, ganze Stücke des Busches, einzelne Blätter haargenau, ihre Drehung, Schattung, Glanz und Zahnung, Ansatz am Stengel, Verknotung im Ast, alles hundertmal lebendiger geworden im Durchgang durch seine Augen, als die Augen Renates es am wirklichen Gewächs wahrnehmen konnten. — Ach, hier war Leben, hier wars! —