Sie gingen in die Kapelle, er machte Licht, Renate nahm das Paket auf.
„Vielleicht braucht er es aber“, sagte sie, streifte nach kurzem Zaudern die Hülle ab und hielt einen Lederkasten in der Hand, wie eine flache Zigarrenkiste groß. Am Ende ists etwas für mich! dachte sie und öffnete den Deckel, hatte aber kaum hineingesehn, als sie entsetzt alles fallen ließ, und was da am Boden lag, war Josefs halbes Gesicht; es sprang und rollte wie aus Kautschuk und lag still, eine halbe Maske. Saint-Georges hob sie auf.
„Sei ganz ruhig,“ sagte er, „es ist nichts Schreckliches, eine Maske.“
Sie trat voll Furcht und Abscheu näher, er drehte das Ding in den Händen, ja, es war ein halbes Gesicht, dem Josefs so ähnlich in der Tönung, Kinn, Wange, Stirnansatz und ein furchtbar blickendes schwarzes Auge, daß es sie durchschauderte. Sie stammelte ein paar erklärende Worte von Josefs Aussehn.
„Elfenbein“, sagte Saint-Georges, zwei Bänder durch die Hand gleiten lassend, die an der Stirn hingen; am Halsstück war eine, fast zum Kreis gebogene Spange aus Elfenbein, die wohl den Hals umschließen sollte. Saint-Georges entdeckte und wies ihr chinesische Schriftzeichen an der Innenseite und meinte, wenn es mit Josefs Gesicht so sei, wie sie sagte, so könnte die Halbmaske wohl in der Dämmrung oder bei halber Beleuchtung ein ganzes Gesicht vortäuschen; es sei kostbare Arbeit, nur ein Chinese könnte dergleichen anfertigen, ohne Zweifel würde sie ausgezeichnet schmiegsam passen. Seine Erklärung beruhigte Renate nicht; die Maske ihm aus der Hand nehmend, wieder schaudernd, dachte sie: die andre Gesichtshälfte von ihm habe ich nun in der Hand — und kann kein Ganzes daraus zusammensetzen. — Dann überließ sie Saint-Georges die Maske, der sie wieder verpackte.
Aber danach, zur Ausgangstür vorgehend, glättete sich ihr Empfinden. Fast, fühlte sie, hätte er mich hineingerissen in seine Fremde. Wie toste es schon, Meerflut, Inseln und fliegende Sterne, allein — wie hatte doch Georges gesagt? ‚Sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt sich Zeit.‘
Indem sah sie ihn selber neben sich in der Türe stehn, die Blicke durch das Dunkel ruhig in die ihren senkend, und sie lächelte, die Augen schließend, ohne zu wissen warum.
Als sie dann ins Freie traten, fühlte Renate erquickend den vollen Strom der herbstlichen Nachtluft, und siehe da, über den Bäumen — ach, wie lange hatte sie es nicht gesehn! — schwebte Josefs Fenster in der Nacht, schöne, sanfte, grüne, gotische Fläche. Magda, oder auch Ulrika und Bogner mußten dort oben sein. Sie konnte die Augen nicht abwenden von dem tröstlichen Schein, folgte endlich Saint-Georges, der voraufgegangen war, minder verzagt und hoffenden Herzens.