Georg, aus seinem Schlafzimmer am Abend hervortretend, wo er die Koffer für Berlin geschlossen hatte, erschreckte sich vor einer geduckten kleinen Gestalt, die im Geisterlicht der Sphäre am Treppenfuß stand: Hesekiel. Ärgerlich auf Egon, der trotz häufigen Tadels wieder einmal zu faul gewesen war, nur die Stufen hinunter zu gehn, um die Kurbel der Hängelampe zu drehn, fragte er: „Nun, was ist denn, Hesekiel? noch ein Brief?“ indem er die Schreibtischlampe aufflammen ließ. Ja, Hesekiel hatte einen Brief, einen großen, sonderbar dicken Brief. Als Georg, im Stuhl sitzend, ihn aufschnitt, kam ein ganzer Pack beschriebener Blätter zum Vorschein, um den ein gleichfalls beschriebener Briefbogen geschlagen war; alles Cordelias Schrift. Georg klappte den Briefbogen auseinander und las:
„Die arme Seele sendet ihrem Gebieter diesen letzten Gruß.
Glück und Segen! Es ist alles gekommen, wie es beschlossen ward in dem himmlischen Rat, so wird auch das letzte bald geschehen sein. Glück und Segen! das Bett ist gemacht, bereit steht der Becher, bereit ist die arme Seele. Glück und Segen über das heilige Leben dessen, der dies liest.“
Georg flimmerten die Augen. Esthers dunkelfarbiger Schmetterlingskranz um die Kuppel der Lampe zuckte leuchtend und tanzte. Das Herz vom Angstkrampf zusammengezogen, starrte Georg. Das Ende, sagte er, das Ende ... Cordelia war ... war ...
Er nahm das Blatt wieder vor, seine Hände flackerten, er mußte es auf die Tischplatte legen, er las:
„Glück und Segen, die arme Seele ist nun nicht mehr da. Wo bist Du, Geliebter? Glück und Segen, ich bin schon den kleinen Fluß hinuntergeschwommen, schon rauscht der ewige Strom, ich hebe noch einmal die wieder verarmte Hand, es rauscht — horch, es rauscht ...
Glück und Segen, Glück und Segen!
Im großen, dunklen Meerstrom sind alle Wellen einander gleich. Was macht so dunkel den Strom, so groß, und die Wellen so gleich? Das ist die ewige Liebe. — Doch einmal, wenn Abend ist über der schweren See, die Rose, die himmlische, entfaltet ist an der unsterblichen Brust, so blinkt eine Welle auf ganz fern, die Du kennst, eine lächelnde Welle, die Dich erinnert an: Einmal ... Und Du sinnst: arme Seele, bist du’s?
Und so gehn die Jahre, so wandert die Zeit. Ist auch Dein Herz nun alt geworden, geliebte Jugend, Dein Haar ergraut, faltig Dein Mund? Die Berge stehn dunkel, so ernst sind die Sterne, nicht mehr lang ist der Weg, schon hörst Du den Strom.
Glück und Segen, das Leben war schön! Sang es der Wind, klang es der dunkelnde Baum? O mein sinkender Freund, es war die arme Seele! —