Dieser hier war erstaunlich, dachte Georg über seiner Verrichtung vor der marmornen Nische, aber Hardenberg — das war wirklich eine neue Freude. Dies Haus steckte ja voll Überraschungen. O, Hardenberg schrieb die entzückendsten Dialoge, fast ein Geplapper, das sich aber zu einer fast furchtbaren Verve steigern konnte, und in dem er auf die allergeistvollste Weise meist die Daseinsberechtigung der geistlosesten Dinge verfocht. Ja — zudem war er allerdings homosexuell, allein er machte — wie es in der Schülersprache hieß — keinen Gebrauch davon, und angesichts seiner stillen Würde und unwandelbaren Vornehmheit hätte niemand es gewagt, in seinem, wie kein anderes inniges Freundschaftsverhältnis zu — — Georg konnte nicht auf den Namen kommen — etwas anderes als eben — Freundschaft zu argwöhnen. Wie sich die Kunde von seiner Anormalität verbreitet hatte, war unklar, doch die Tatsache stand fest.

Um etwas zu sagen, äußerte Georg beim gemeinsamen Händeabtrocknen zu Schley, ob noch viele Balten das Korps aufsuchten, was der langsam bejahte.

„Mein Vater allerdings“, fuhr er in seiner Nöligkeit fort, „war — Kölner. Aber ich bin ei’nlich ’n halber Franzose. Ich seh bloß nich so — aus.“ Dabei kratzte er sich ratlos den Kopf und ließ — plötzlich — das Glas aus dem aufgerissenen Auge tropfen. Als sie den Vorraum wieder betraten, machte er sich erbötig, Georg das Haus zu zeigen, und so wandelten sie denn ziemlich schweigsam von Zimmer zu Zimmers, Schley die Namen sagend, die sich ohnehin von selbst verstanden nach der Einrichtung, Georg einen Lobspruch fallen lassend. In der Bibliothek aber fand Georg ein wohlbekanntes stark violettes Buch liegen und sagte:

„Da liegt ja der ‚siebente Ring‘. Wem mag der denn gehören?“

Schley sah näher hin. „Das wird wohl meiner sein“, bemerkte er zögernd, nahm ihn langsam auf, betrachtete ihn ebenso langsam von allen Seiten und erklärte, ja, es wäre seiner.

„Ich hab’n Schwalbe geliehen, der seinen glaub ich auf seinem Gut vergessen hatte. Meine Frau — ich bin drei Tage verheiratet — hat ’n mir grad erst geschenkt.“

„Haben Sie denn schon drin gelesen?“ fragte Georg neugierig.

„O freilich! Ich kenne ihn lange! Er ist ja sehr — schwierig, aber wenn man sich ’n büschen Mühe giebt, dann — geht es. — George — — ja, das ist so ’n — großer Saturn möcht ich sagen ... So ein ganzer riesiger Weltkörper in einem goldenen Ring von Gesetzen. Nee, wissen Sie,“ fuhr er auf einmal ganz lebhaft fort, das Monokel schnell wegtropfen lassend, „wissen Sie, da is ein Gedicht in einem früheren Buch, das fängt an: ‚Die Herden trabten aus den Winterlagern ...‘ Kennen Sie das? — Ja, ich muß doch sa—gen,“ sprach er wieder langsamer, „wie ich das zuerst las — da sind mir die Tränen in die Augen getreten.“

Georg fühlte sich eigentümlich ergriffen, weil der Mensch so ernsthaft und echt sprach.

„Ja, nicht wahr,“ erwiderte er eifrig dann, „so ists mir mit manchem Gedicht ergangen, und —“