„Jawohl. Sein Vater ist der Besitzer. Der Adel — Schley-Schleyenburg — ist ein bißchen sehr — jung; zu jung für manchen unter uns ... ich weiß nicht, wie Durchlaucht ...“
Georg äußerte, ihm wärs egal, wenn —
„Wenns Herz nur schwarz ist, hohoho, nicht wahr, Durchlaucht?“ lachte Nordeck an seiner Seite, sich vornüber kippend, „Ihr Wohl, Durchlaucht, ich gestatte mir!“ — Also auch der zitierte was, wenn auch eben nur Rosegger, — aber Georg setzte eben sein Glas an die Lippen, als die gesamte Fuchskorona von den Stühlen schnellte und ihr Major beinahe verständlich gurgelte, das Fuchsmajorat nehme sich Freiheit — vier Ganze! — — „O, der Teufel hole eure Freiheit“, murmelte Georg, hinunterwinkend, sein Glas an den Lippen, und trank, dem Nordeck nach und, was seit langem nötig geworden war, Schwalbe vorkommend. Alsdann stand er auf, um hinauszugehn.
Durch den halb erleuchteten Kneipsaal auf die Flügeltür zugehend, gewahrte er draußen in der ovalen und rahmenlosen Spiegelscheibe an der Wand des Vorraums ein neues Gesicht, in dessen rechtem Auge ein Monokel steckte; im übrigen war es blaß, die lange Nase verlief oben in die schräge zurückfallende Stirn, deren Linie wieder weiterhin in den nackten Schädel verging unter das spärliche blonde Haar; auch hier war ganz wenig Aztekenerinnerung und nordecksche Geistesleere. — Jetzt aber, der Türe näher kommend, sah Georg eine überlange Gestalt darin erscheinen und erkannte, freudig überrascht, an ihrem oberen Ende das schmale rechteckige und rötliche Gesicht, die etwas vorquellenden blauen Augen und die breit auf den breiten, von dünnen blonden Bartzipfeln chinesenhaft umrahmten Mund gedrückte Nase von ‚Novalis‘, altem Herrn seines Schülerlesevereins, — und sein Kinn fiel genau wie damals zurück. Georg streckte heiter die Hand aus:
„Graf Hardenberg! Wie reizend, Sie hier zu sehn! Aber Sie sind doch nicht Baltenpreuße? Nun, was machen Sie? Ich habe lange nichts von Ihnen gelesen. Sie haben doch nicht aufgehört? Und was macht Ihr Pollux oder Kastor, Ihr Freund — wie hieß er doch noch? Nun, das müssen Sie mir alles drinnen erzählen, ich bin eben auf dem Weg nach draußen, ja, vielleicht zeigen Sie mirs gleich ...“
Hardenberg, verlegen, rot werdend und einsilbig wie stets zu Anfang, begnügte sich mit Verbeugungen und Händedruck. Da kam Georg, der weiter wollte, das Gesicht aus dem Spiegel entgegen, jetzt über sehr breiten Schultern und — bei etwas schlenkrig stolperndem Gang der schmalen Füße unten — so geradeswegs und mit so leerem Ausdruck auf ihn zu, daß er einen Augenblick glaubte, von dem Andern nicht gesehen und überrannt zu werden. Doch fiel jetzt, einem großen Wassertropfen gleich, das Einglas herunter, die Figur blieb stehen, verneigte sich und sagte breit:
„Schley.“
Georg schüttelte ihm die Hand und versicherte, entzückt zu sein. Der Freiherr fing an, überaus langsam und mit näselnder, nein nöliger Stimme zu sprechen:
„Durchlaucht — wollten wohl nach — draußen. Ich erlaube mir — mitzukommen.“
Also gingen sie zusammen.