„Ab und zu“, gestand der Senior lächelnd ein. „Ein gutes Buch hin und wieder ist man doch schon seiner Gesundheit schuldig.“ Schwalbe ließ seine Augen standhaft und freundlich in Georgs. „Es zuckt mir manchmal geradezu in den Fingern nach Seitenblättern — wie’s einem im Herbst drin zuckt, wenn die Krickente streicht, nach dem Abzug.“

Der gekräuselte Nordeck, ein mächtiges, tiefes und hohles Gelächter herausschüttend, sagte breit altenrepenisch: „Ja, man bodet ja auch alle vierzehn Toge! Ihr Wohl, hohoho, Durchlaucht, ich gestatte mir.“

Georg trank. „Unser Keyserling“, wandte er sich dann wieder zu Schwalbe hinüber, „pflegte gern von zu Haus zu erzählen. Sagen Sie, ist das wahr: er behauptete, er hätte, bevor er zu uns kam, nie einen Buchenwald gesehen.“

„Ja!“ Schwalbe setzte sich wieder in Anteil und Bewegung, „das ist wahr. Als ich selber zuerst einen Buchenwald sah, dachte ich, ich käme in einen Palmenhain. Es jiebt ke—ine Buchen bäi uns.“

„Was dann? Fichten? Nadelholz?“

„Jawohl; Fichten. Vor allem aber — Birken. Und die Birken wachsen nicht wie hier, in Trupps und kaum mehr als armdick. Bei uns sind es janze Wäldchen, aber die Stämme stehen janz ver—e—inzelt, doch wie die E—ichen, und der Bo—den ist Wiese und daher janz mit Blumen bedäckt.“

„Ah!“ Georg sah lebhaft die einzelnen, weißen Säulenstämme mit grünem Laubgeschleier vorm Himmelsblau und unterhalb einen Teppich buntfarbener Anemonen. „Das muß ja beinah — arkadisch aussehen.“

„Stellen Sie sich Orkodien so vor, Durchlaucht?“ schüttelte der blonde Nordeck mit seinem unmäßigen Gelächter heraus. Der Tastozzi drüben lächelte gezwungen mit; Georg entschloß sich, ihm „definitiv“ zu kommen, was ihn wieder sehr zu erschrecken schien, und Georg gewann ihn fast gern dadurch.

Ach, deine Sicherheit! durchzuckte es ihn beim Trinken jählings. Er stellte mit innerlichem Achselzucken sein Glas hin. Ich bin, der ich je war, stellte er fest und biß die Zähne zusammen.

Da er nun den Präsiden mit dem Korpsdiener flüstern und die Worte „telephoniert haben“ sowie einige Namen, darunter Schley, zu verstehen glaubte, wandte er sich an Ellerau mit der Frage, ob etwa seinetwegen etwas vorgehe — womöglich die Alten Herren behelligt würden —, und Ellerau wehrte verlegen ab. In der Tat, die Nachricht von Georgs Erscheinen sei erst so spät gekommen, — da habe er sich bei dem ohnehin geringen Bestand des Bundes erlaubt, einige alte Herren, die immer sonst kämen, noch telephonisch herbeizurufen —, worauf er, abbiegend, die Gelegenheit geschickt benutzte zu höflichem Keilen, indem er Aufklärungen gab über die hiesigen Korpsverhältnisse, die durchweg leider nur geringen Bestände an Aktiven, die Erwünschtheit des Zuwachses — wo dann eine kleine Schmeichelei über die Beziehungen zu den Münchener Schwaben seit altersher einlief —, ferner über die verhältnismäßig freie Auffassung vom Korpsleben in der norddeutschen Großstadt, wo der Student nicht, wie an den kleinen Hochschulen, alles gelte und jedem bekannt sei, — was alles Georg mit schweigsam nickender und lächelnder Höflichkeit über sich ergehn ließ, am Ende einen Augenblick still war und, dem Grafen zutrinkend, nach dem gehörten Namen Schley fragte. Ob er mit der Motorenfabrik zusammengehöre.