Laß, Georg, laß! laß doch los, Georg, ich kann ja nicht!

Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und plötzlich ist alles verwandelt. Ich weiß so viel, alles glaube ich zu wissen, ich glaube, ich darf ...

Es ist fast, als hätte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du bist ein Mann — Männer verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar nicht meinte, also hast Du verstanden.“

Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber —, — er wußte nicht weiter. Er las.

„Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich weiß es, und doch — ich glaube, ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester überwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr läßt. Ein halbes Jahr, das genügt, und mehr ist unmöglich.

Ein halbes Jahr Glück. Mir ist eingefallen, daß ich ja die Sonne habe. Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, daß sie nur vor Vielen brennt, aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.

Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? daß man sagt: spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glücklich, bins schon, ich brauche nichts zu erfinden, nur die Lüge muß ich verbergen, nur dazu ein wenig Spiel; und ein wenig, wenn es — wenn es einmal schwer ist, zu spielen. Oh ja, nun werde ich spielen!“

Georg fühlte die Glut auf der eigenen Stirn. — Also das wars? Sie hat gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei gelobt, daß ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich hätte ihr am Ende noch das Letzte zerstört.

Er suchte die Zeile, wo er aufgehört hatte, wieder und las:

„Ein halbes Jahr — und dann der Tod. Ein halbes Jahr lügen und dann die Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glänzt; und ich sehe die Stunde, wo Du dies liest. Weißt Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme, Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzählen auf das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weißt Du noch den Anfang, vor einem Monat, weißt Du nun, warum Du mich gar nicht verstehen konntest? Weißt Du, wie ich in Deine Tür kam und vor Staunen verging?“