Georg sah und wußte alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit, und wie sie am Boden kniete und sagte: „Ich bin dein eigen“ ... Und dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, — und er hatte nichts gewußt. Sie hatte die Hölle unter ihre Füße gestampft und stieg herauf, wie ein Engel rein, sie ... Georg faßte behutsam den Mantel und zog ihn über ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die weiße, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie gekannt, legte den Mantel wieder darüber, das Lächeln ihres Mundes scheuchte ihn ganz zurück, er gewahrte die Blätter in seiner Hand und las, entschlossen, zu Ende zu kommen.
„Genug, Georg, genug. Ich weiß nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst Du jetzt, ich hätte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar nicht, denkst, ich hätte es versuchen sollen, hätte den Tag herankommen lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wäre und ausgeschrien hätte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, daß ich dem Vampir so habe erliegen können, so in seiner Gewalt blieb ... Ach, fünfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit — und nichts ist mehr zu retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ... wozu? Töten — nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah für den Fernen, aber ich weiß, daß man dazu geboren wird oder anders nicht dazu kommt — vor dem eigenen Tod.
Ich komme, Georg.
So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brücke, als sie auf Dich wartete und dachte: entweder — oder. Nur ein wenig hinausgerückt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu können für ein halbes Jahr.
Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?
Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, weiß ich, ist alles gut, ist alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod und Leben ganz gleich, nur nötig das Leben, weil es lebt. —
Ich bin müde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese Blätter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mußt. Ich sehe die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust, und daß sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.
Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist Abschied.
Glück und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glück und Segen, die arme Seele ist nicht sehr betrübt, obgleich es schwer ist, von Dir zu gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglättet, all das viele Leid ...
Es ist doch alles nur Liebe gewesen. —