„Ich muß Sie um einiges bitten, lieber Freund. Erstlich, zu vergessen, daß Sie mich hier sahn, jedenfalls vor jedem, der mich kennt. Ich weile unbekannt hier. Zweitens sich nicht weiter zu wundern, daß Sie mich trafen. Es dürfte Ihnen ja kaum unangenehm gewesen sein. Mich selbst wundert es durchaus nicht, da ich seit Kindesbeinen, möchte ich sagen, die Gewohnheit habe, an Stellen aufzutauchen, wo sich das Fürchten lernen läßt. Gelernt habe ich es leider nie. Das Unglück meines Lebens. Nun — ich hoffe, wir plaudern ein ander Mal darüber. Sehen Sie, da sind wir über die Brücke. Übrigens — mit Ihrer Erlaubnis würde ich nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Sie mir ein Bett anböten für die Nacht; bis zu dem meinen wäre es verteufelt weit in Anbetracht der Stunde. — Ja, noch etwas: mein Gesicht. Sie haben vermutlich bemerkt, daß etwas damit nicht in Ordnung ist. Nun — auch darüber werden wir plaudern, wenn uns das Leben wieder zusammenführen sollte, was, wie ich hoffe, in für Sie weniger schwerer Stunde der Fall sein wird.“
Georg, willenlos übergossen von der plätschernden Suada, blieb nun stehn, da sie bei der ersten Laterne angelangt waren, blickte Montfort an, blickte zu dem Glaskäfig auf, in dem der Glühstrumpf atmete, und dachte: Habe ich denn nun alldas geträumt? Wann stand ich denn schon einmal neben einer solchen Laterne? War das nicht — als ich Renate zum ersten Mal sah? — Er zuckte zusammen. Seine linke Hand fühlte die Papiere in der Tasche, seine rechte das warme Glas. Kein Traum. Cordelia war tot. Aber auch kein Schmerz kam hoch in seiner Brust; im Dunkel wehte es auf, lächelte tief, und entschwand. Georg ging weiter.
Allein! sagte jemand tonlos in seiner Nähe; allein, allein, allein.
Hier enden des fünften Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.
Sechstes Buch.
Fragmente aus den halkyonischen Jahren III
oder
Die Schleuse
Erstes Kapitel: November
Berlin
Georg sah, als er eines Nachmittags den dunklen Gang in seiner Berliner Wohnung hinunterging, einen Brief hinter der Korridortür liegen, augenscheinlich durch den Postschlitz geworfen, und erkannte im Aufheben mit Verwunderung und Verdruß nicht nur seinen Berliner Pseudonymen, sondern auch Bennos Handschrift: die Universität, an die adressiert war, hatte den Brief nachgeschickt. Äußerst mißgestimmt gegen Benno, der sein nachdrückliches Verbot des Schreibens übertreten hatte, stopfte er ihn in seine Manteltasche, und erst, als er im vollbesetzten Stadtbahnabteil an der Türe lehnte, gab er der Reizung des Verschlossenen in seiner Tasche nach — dazu dem Verlangen nach einer Beschäftigung, das von dem stumpfen, gerüttelten Beisammensein mit den ereignislosen Gesichtern der Mitfahrenden hervorgerufen wurde — und öffnete, sehr widerstrebend, den Brief. Nur mit den Augen zu überfliegen und wieder fortzustecken willens, las er:
Altenrepen, den 26. 11.
Ja, mein Georg, so siehst Du mich Dein strenges Gebot übertreten. Aber Du kannst, nein, Du kannst nicht verlangen, daß ich es halte, daß ich weiter in dieser alltäglichen und — ach mehr noch! — allnächtlichen Sorge und Ungewißheit um Dein Ergehen hinlebe. Ich bitte Dich, gieb mir ein Lebenszeichen! Wenn ich an Dich denke, sehe ich Dich in diesem entsetzlichen Berlin wie in einem Mahlstrom umgetrieben, es flimmert mir vor den Augen, Dich, allem Schönen, Reinen, Edlen so hingegeben und nun so zu Boden gedrückt durch das furchtbare Erlebnis, in der Einöde zu denken, die der Name Berlin vor meinen Augen entstehen läßt. Georg, die Nacht, wo Du mir von Cordelia sprachest, die Tote selbst, ihr Lächeln, der schauerliche öde Raum unter dem Dach — unzählige Bilder, die nicht vor meinen Augen weichen, werde ich im ganzen Leben nicht vergessen. Ich träume davon, es läßt mir keine Ruhe, auch ist ja niemand da, mit dem ich darüber sprechen könnte. Elfriede — ich versucht’ es, aber — was kann sie davon verstehn, die nichts sah, noch mein Empfinden für Dich teilen kann; ihr muß es ein fremdes schauerliches Märchen bleiben, und von vielem darin hätte ich kaum einmal gewußt, wie es ihr sagen. Ich bin manchmal recht allein, Du fehlst mir täglich, ich spreche mit Hesekiel von Dir, aber — der Sprachschatz des Armen ist recht beschränkt, — ach, unsre schönen Gespräche! Wird all das jemals wieder kommen? Auch Magda ist fort, — willst Du sie wirklich nicht aufsuchen? Sie würde doch sicherlich ein gutes heilsames Wort, ein linderndes Mitschweigen für Dich haben. Genug, ich sehe längst Deine Unzufriedenheit, und vielleicht — ich hoffe es ja — sind all das auch nur Einbildungen von mir.