Ich bin fleißig, Elfriede ist heiter und engelhaft wie je, und mein Leben könnte das glücklichste von der Welt sein, ohne — Du weißt, wie ichs meine.

In Treue Dein alter
Benno

Kümmerlich, dachte Georg, sehr kümmerlich ist das! indem er den Bogen faltete und in das widerspenstige gelbe Seidenpapierfutter des Umschlages pfropfte. Guter Benno, deine Sorge ist ebenso rührend schön — für dich, wie herzbeleidigend für mich. Außerdem geht mirs glänzend, und alles was du schreibst, ist Unsinn. Du — — Überdem wurde die Tür hinter Georg aufgerissen, drei und mehr Menschen drängten herein und ihn bis zur gegenüberliegenden Tür — sehr ärgerlich! denn was hatten sie auf diesem winzigen Tiergartenbahnhof, wo überhaupt niemand einzusteigen pflegte und deshalb auch niemand einzusteigen hatte, obendrein in seinem Abteil zu wollen? giftete er sich. — Eingezwängt stehend, eine Hand am Gepäcknetz, ließ er seine Verstimmtheit gegen den Freund weitertosen. Wie er mich bloß so falsch verstehen konnte! Als ob nicht mein ganzer Jammer eben darin bestanden hätte und bestünde, daß sie — daß sie tot ist, nichts als das, fort mit allem, jenseits, zugedeckt mit diesem Lächeln, das mich verfolgt ...

Georg verlor seine Gedanken über dem Anblick der Leute in seiner Nähe, die ihn zu nichtswürdiger Beschäftigung mit ihren gebündelten Zügen, häßlichen Händen, Hüten und dergleichen zwangen; die Fahrt des langsam dahin trabenden Zuges schien in alle Ewigkeit währen zu sollen, er geriet am Ende wieder an den Brief. Ich bin sehr allein ... hatte er das nicht geschrieben? Und überhaupt die ganze Stelle mit Elfriede klang doch sehr merkwürdig und — ah natürlich! das war der wahre Grund des Schreibens! Armer Benno, fängt es nun an? Der erste Argwohn, das gescheuerte Gold sei — am Ende doch Messing? — Georg wurde, so sehr er Benno bemitleiden mußte, warm und wohler ums Herz, er verließ im Bahnhof der Friedrichstraße aufatmend den Zug, eilte durch die schon dämmernden, nebelgrauen Straßen und saß alsbald in seiner abgelegenen Ecke der Seminarbibliothek an seinem Tischplatz, unsichtbar außer für den, der ein Buch in der Bücherwand hinter seinem Rücken suchte, eine andre Bücherwand vor sich, zur Linken das Fenster. Allein kaum, daß er die dritte Seite in Gerlachs Abhandlung über die deutsch-dänischen Handelsbeziehungen gelesen hatte, empfand er, daß er gestört war, mußte sich anders setzen, das Buch anders legen, erst einen, dann mehrere Sätze doppelt lesen und lehnte sich plötzlich aufseufzend im Stuhl zurück. Gedankenleer zum Fenster hinausgewandt, sah er drüben die kahlschwarzen Kastanien des Wäldchens, flatternd von letzten braunen Blattfetzen, die Baracke für Vorträge über Kunst darin, kahl, nüchtern und unfreundlich, dahinter die Rückfront der Universität. Ein paar Gestalten, frostig anzusehn, wandelten im Garten. Auf der Straße davor flammte grünbleich die erste Laterne auf.

Ja, da ist es wieder, das Alte, dachte Georg im Empfinden des Drucks, der Beklommenheit, der Angst in der Brust. Nun ist alles wieder drohend und ungewiß. Sie schläft, sie lächelt, sie ist drüben. Ich bin allein. Wie lang ist es her? Fünf Wochen!

Mein Gott! — ihm ward heiß — wie ist es denn möglich? Hin, alles hin, ganz und gar wie ein Traum, wie ein Sonntag, alles, alles fort! — Er zwang sich, er sah sie, ihren glänzenden Leib, in der Nachthelle, in einem Gartendickicht, auf dem Schwarz des Mantels — Sterne bewegten sich im Laub. Auf dem Bett unterm Fenster, über ihre strömenden Glieder hinaus, tauchte sein Auge in die helle Nacht, die dunklere Ferne, die Ebene endlos — und darüber die zahllosen Augen der Sterne. — Dies erlosch, im rötlichen Schein der Kerzen funkelte das rote Glas, das schlafende Antlitz lächelte vor sich hin, — im Schwinden sah er noch Montfort, den Hut aus der Stirn gerückt, vor der verschlossenen Türe stehn, eine Hand über sich aufgestützt, die Füße gekreuzt, in der herabhängenden Linken die kleine Taschenlampe, aus der er von Sekunde zu Sekunde den Lichtkegel zu Boden fallen ließ, in dessen Schein er selber vor Georg erschien, ein Bild, das sich wie kaum ein andres ihm eingebrannt. — Georg versuchte es wieder, er sah sie unter der Vorhalle des Hauses, ihm entgegenschmelzenden Gesichts ... Was sich jetzt regte in ihm, war sein Geschlecht, die Entbehrung, er rückte unruhig im Stuhl, fühlte sein Sitzfleisch zerdrückt von Beinkleidfalten, — die alte Quälerei war wieder da, der ewige Durst, der sich so wenig überwinden noch betrügen ließ wie das Bedürfnis des Leibes nach Feuchte, nach Kohle, nach Eiweiß, — ach armer Benno, das Leben ist so schauerlich anders, als du meinst!

Überdem empfand Georg eine fast unlustähnliche Lust, ihm zu schreiben. Er trennte nach einigem Widerstreben ein paar Bogen aus seinem Heft, setzte an und brachte es plötzlich nicht fertig, die gewohnte Schrift zu schreiben, worauf er aus dem Punkt des angesetzten L den kleinen Bogen des stenographischen Zeichens dafür zog und langsam zu malen begann.

Lieber Benno: Ich hoffe, Du kannst dies noch lesen. Vergieb schon, aber es scheint mir das von Cordelias Brief zurückgeblieben, daß ich — nun, es ist wie ein Grauen vor offener Schrift. So eine Art Hysterie vermutlich. Und die weich geschwungenen Zeichen malen sich so angenehm aus der Hand.

Habe Dank für Deinen rührend liebevollen Brief. Scheinbar weißt Du, Halunke, daß ich es liebe, gerührt zu werden, und wenn nicht alle Empfindungen des Vermissens in dieser Beziehung von Dir beschlagnahmt wären, so könnte ich wohl Hesekiel vermissen, seine immerrührende Figur und rührenden Sprüche.

Was mich angeht aber keinerlei Sorge! Wenn ich mich auch nicht eben wohlbefinde, so ist das aus keinem der Gründe der Fall, die Deine Einbildungskraft Dir vorspiegelt. Berlin ist freilich der Mahlstrom, als den Du es Dir vorstellst, allein — einerseits war es ja meine volle Absicht, mich hineinzustürzen — ich hoffe, Du hast beim wohlwollenden Übertreten meines Schreibverbots das nicht gleich mitvergessen —, und andrerseits stehe ich vorläufig noch ganz am Rande und lasse michs schwindeln. Im Vertrauen: mir schwant, daß ich trotz aller Absperrung vom bisher Gewohnten, trotz scheinbaren Untertauchens durch Pseudonym, Inkognito und die vorgebliche Lebensführung eines von hunderttausend Studenten, Bureauschreibern, Literaten, Referendaren et cetera — gleichwohl nicht in den Strom gelangen werde, aber — vielleicht ist der Schwindel am Rande, wenn dauernd, das fürchterlichere.