Die Stadt ist furchtbar. Ich meine damit nicht Berlin im Gegensatz zu andern Großstädten des Erdballs. Ich meine die Großstadt an sich, als Lebensform, als Weltteil, als Schicksal; meine den Fluch der Anhäufung von Dasein und Geschick. Ah genug, wir werden sehn, übrigens wie singt der Poet?

Allein die Städte wollen nur das Ihre

Und brauchen viele Völker brennend auf,

Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere ...

und so weiter, im Stundenbuch nachzulesen. Dennoch giebt es die merkwürdigsten Oasen mitten in der Meereswüste, deren Nötigkeit sich kaum begreifen läßt, wie etwa jene Schächte in farbige Jahrhunderte und Jahrtausende hinunter, die sich Nationalgalerie, Völkermuseum nennen. Nein, da bin ich gestern unvermutet an einem der seltsamsten Eilande gelandet und will Dir davon erzählen. —

Georg hielt inne. Wozu das eigentlich? dachte er unwirsch. Aber die wieder aufgetauchten Bilder des gestrigen Abends, Hardenberg, der stille Plauderer, Dachgarten, die kranke Frau, die Bilder — bewegten sich in ihm, wie die Samentierchen zum Eileiter, zur Gestaltung, und er fuhr fort:

Im Tiergarten traf ich unlängst auf Hardenberg. Du erinnerst Dich seiner vom Leseverein in Prima. Wir sprachen uns an, gingen zusammen, wir kamen ins Gespräch, ich machte meinem Ärger Luft über das Gemisch von Stangen und Statuen, das in meinen Augen der Tiergarten war, und hörte bald herzlich erfreut das wohlbekannte, leicht altenrepensch gefärbte: „Ich muß doch sä—gen ...“ mit dem er die Absicht einer kleinen Abhandlung anzukündigen pflegt, und siehe da — wie ein Mandelbaum aus den Fingern des zaubrischen Chinesen entfaltete sich alsbald ein Sommertiergarten, ein grünes Idyll der Behaglichkeit und des Friedens. Und aus dem einen, dem Tiergartenpark entfächerte er die Parke der Stadt, wie sie alle heißen: Kleistpark, Preußenpark, Schöneberger Stadtpark, Steglitzer, Dahlemer, beschrieb die Findigkeit ihrer Anlage in der Ausnützung der Bodenverhältnisse, beschrieb ihre Sommerabende nach dem Regen, ihre Verschwiegenheit, ihre erfrischten, leuchtenden Wege, die umdampften, schweren Gruppen der Bäume, auf dem Hügel den weißen Pavillon, den Goldregenbaum, die Fliedersträuche und plötzlich lächelnd am Wege das zarte Wunder der lila Akazie, ihre bebenden Trauben haltend wie eine Tänzerin mit zierlichsten Fingern, — das Herz lachte im Hören und Sehen! — Es ward ein ganzes Lob auf Berlin, die Stadt der Blumen und Parke, wie er sie nannte. Wahrhaftig hat er recht. Ich selber weiß von früher, daß in keiner andern Stadt Europas fast alle, auch die steinernsten Riesenstraßen im Sommer Alleen sind, in keiner so viel Vorgartenstreifen vor den Häusern liegen, in keiner die Straßenfronten so liniiert sind mit den buntfarbigen Zeilen der blumengeschmückten Balkons, und daß in kaum einer Blumenläden zu finden sind — von den erlesenen der vornehmen Viertel ganz zu schweigen —, wie man sie hier noch in den finstersten Stadtteilen finden kann. Und von dieser ‚Kultur der Blume‘ kamen wir dann bald auf den Begriff der Kultur im allgemeinen, den er schlechtweg als deutsch bezeichnete, da für die Begriffe andrer Nationen Zivilisation genüge. Kultur, sagte er, könne nicht sein, was man in Frankreich sehe einerseits — als Blüte einer einzigen kleinen Oberschicht, Geschmack, Esprit und Eleganz von Louis XIV. bis Louis XVI. —, noch was in England andrerseits als Steigerung der gesellschaftlichen Formen. Dergleichen Dinge seien nichts als Schöpfungen eines Volkes, wie ein andres vielleicht geistige Genies, ein andres Erfindungen, ein andres Strategen hervorbringen könnte. Sondern der Begriff der Kultur müsse mitumfassen ein vollkommenes Durchdringen des gesamten Volksstoffes, eine Essenz, die an hundert der verschiedenartigsten Stellen anzutreffen sei, und die höchste Vollendung in Kunstdingen etwa ebenso mit einschließe wie soziale Pflege der Ärmsten, Leibl und Ehrlich, George und Bodelschwingh. Kultur nicht denkbar ohne Geist, nicht denkbar ohne Liebe. Nicht denkbar ohne Gewissen, ohne Verantwortlichkeitsgefühl des Einzelnen für das Ganze. Die ‚Kultur‘ also des Franzosen ist ein Erzeugnis von Eitelkeit und innerhalb dieser von Ruhmsucht und einem ganz körperlich innesitzenden Verlangen nach und Gefühl für das Anmutige, Schmückende und — in diesem Betracht — dann auch Schöne. Kultur jedoch verlangt nicht nach Schönheit; aber in ihr begriffen sein wird auch das Schöne, und sie wird es wirken, weil sie für jeden Würde des Daseins, für jeden ein Bestes verlangt. — Aber übrigens: in welchem Volk giebts das eigentlich?

Georg stockte mit der Feder vorm nächsten Absatz. Ja, wohin gerate ich denn? Nachsehend fand er bereits drei Seiten mit den stenographischen Zeichen gefüllt, aber, erregt von der Geistesarbeit und Phantasie, dachte er: Nun, um so mehr freut sich Benno, es wird ja auch das einzige Mal sein, und nun werd ich mich kurz fassen. — Er fuhr fort:

Bezaubert wie ich war von der überaus zierlich und leicht wachsenden Art seines Plauderns und in meiner angeborenen Höflichkeit konnte ich dann nicht widerstehn, als er mich einlud, und bin gestern nachmittag hinausgefahren. Beim Abschied erschreckte er mich noch durch zweierlei, nämlich erstens seine Adresse: Hasenheide und eine dreistellige Hausnummer, die ich nun vergaß (ich sah in der Hasenheide bisher eine Einöde und Exerzierplätze wie Tempelhoferfeld, kein Ding mit Hausnummern), sodann durch die Mitteilung, er sei verheiratet, seine Frau allerdings schwer leidend. — Nun, Du weißt, daß Hardenberg homosexuell ist. — Sollte die Anlage — stark war sie wohl nie, dacht ich — geschwunden sein? Dann, muß ich zu meiner Schande gestehn, wurde mir einen Augenblick schwül um die Brust, und ich geriet von meinem lieben, sanften, allgütigen Hardenberg auf — Stawrogin! Stawrogin, Du erinnerst Dich, in den Dämonen, der vor Entartung aller Gefühle zur Erlebnisform einer Heirat mit einer Schwachsinnigen greifen mußte, der Marja Timofejewna, — doch befinden wir uns ja in Norddeutschland, Hasenheide usw. Ich fuhr mit der elektrischen Bahn hinaus.

Unsäglich! Unsagbar! Straßen, Straßen, Straßen! Prachtstraßen gegen London, Paläste gegen Paris, riesige Offenheit und Breite gegen die Steinschluchten Wiens, allein — das Getümmel, das Hinundwiederströmen, der Anblick der tausend und tausend Fenster, Zimmer, Wohnungen, Schicksale ohne Ende — — es hätte mich umgestürzt vor Schwindel, hätte nicht das Staunen noch die Wage gehalten. Wie leben die Menschen hier? wie können sie leben? warum leben sie hier und so? Es ist ja sinnlos, aber: aus dem heftigen Gefühl, daß mir selber Alles und Alle fremd, in Weg und Hantierung, Ziel, Seele, Beschäftigung, Beruf, in allem völlig fremd und unbegreiflich waren, mußte mir die Vorstellung entstehn, daß von ihnen auch jeder dem Andern, dem Nächsten ebenso fremd und unbegreiflich sei, daß es nur zehntausend Wege waren, die sich kreuzten, jeder ganz in sich abgeschlossen und vom nächsten, von all den durchkreuzenden nicht mehr wissend als nötig war, Zusammenstöße zu vermeiden, und so wards um mich ein eisernes Geklirr, Metallstücke, leblos, gegen Metall, ohrenbetäubend, herzlähmend.