Die Hasenheide enttäuschte freilich angenehm als eine Riesenstraße alter Bäume, fast durchweg eingebettet in Biergärten, ein bei ein, richtige Gärten mit schönen, mächtigen Bäumen, jetzt kahl und Durchsicht lassend weithin. In Hardenbergs Hause dann schwenkte mich der Lift bis unter das Dach, ich wurde in ein geräumiges helles Zimmer — denke Dir ein sogenanntes ‚Gelehrtenzimmer‘ — geführt, dessen breites Fenster und Glastür einen jetzt leider kahlen, aber wunderschönen Dachgarten mit Pergola und Aussicht über das Dächermeer vermutlich in die Tiefe der Gärten boten. Die Stille war fast vollkommen.
Hardenberg erschien und bald auch seine Frau.
Du wirst nun mein Entsetzen mitfühlen können, mit dem ich in der aufgehenden Türe erscheinen sah — das Gespenst. (Ja, Gespenster begegnen uns gern und verdoppeln sich gar!) Ich fürchte, ich vergaß vor Betäubtheit aufzustehn, — bis ich denn sah, daß hier das Haar nicht fischweiß war wie bei Cordelias Schwester, sondern brandig rot, — doch wars auf die nämliche Weise in die Stirne gekämmt; die Augen darunter waren so blaßblau mit viel sichtbarem Weiß — wie dort —, das Gesicht so milchhaft, die Nase schien ebenso spitz ... ich erholte mich wohl am Mund, der wundervoll war, groß, tiefrot und von der köstlichen, tief geschwungenen Bogenform, worauf ich dann von neuem erschrak, denn der bloße Hals — stark, von vorne gesehen so breit wie das Gesicht — war —
Georg stockte mit der Feder. Ein Klumpen ballte sich oben in seiner Brust und zwängte sich zur Kehle; er sah gradaus, seine Augen brannten, dann zitterte sein Kinn; er schüttelte den Kopf, versuchte zu lächeln, sah wieder auf das Papier, mußte plötzlich die Stirn auf die Tischkante legen und schluchzte zweimal, dreimal tränenlos. Als er aber bemerkte, daß er da um sich selber weinte wie ein Knabe, setzte er sich wieder grade, erkannte dabei, daß es dunkel geworden war, ließ die grüne Schirmlampe aufleuchten und schrieb weiter: — Cordelias Hals.
Hardenberg hatte mich schon auf den Anblick vorbereitet, den ich bekam, als das arme Wesen jetzt vorwärts ging. Sie hat seit ihrer Kindheit ein Leiden (d. h. als Hauptleiden von etlichen andern, an denen sie alle paar Monate schwer darnieder liegt), infolgedessen ihr das Gleichgewicht fehlt im Stehn und Gehn. So kam sie hastig tastend, bevor er aufspringend zu ihr gelangt war, um sie zu geleiten, und ihre Beine und Arme schlotterten und zuckten dabei völlig unbeherrscht in den Gelenken. Auch ihre Sprache, als sie nun saß und die Hände — wundersam lang und geschmeidig, gesalbt von Schmerzen — im Schoße still lagen, kam stoßweise, rauh, manchmal hart wie gestoßene Steine; ihr Gelächter — sie lachte viel und gern — war ein Gebell. Kostbar war ihr Profil, das ich lange sah, dazu der Hals von der Seite, nicht senkrecht aufgesetzt, sondern schräge nach vorn, geschwungen ...
Ja, dies. Und als wir dann eine Weile später ins Atelier hinübergingen (denn dies Wesen ist Malerin und hat studiert wie eine jede, z. B. Aktstudien gemacht, stundenlang stehend mit einer Stuhllehne als Stütze), so entfaltete sich aus Mappe um Mappe ein Zaubernebel von Farben und weichem Geleucht. Ihre Kunst ist beschränkt, aber in der Beschränkung reich und reizvoll. Wasserfarbe, Linoleumschnitt und der Buntstift. Aber sie zaubert mit dem Buntstift. Sieh ein Straßenstück — zu Dutzenden gabs —, Regendämmrung, Nässe, Abend, in der Tiefe abschließend ein graugrünliches Gebäude, rechts ein rotes, eine rote Mauer, ein Baum darüber, novemberschwarz gespenstisch, auf der Straße Undeutliches, ein Wagen, ein Mensch — und all das aufgelöst in tausend farbige Striche, das mattglitzernde Pflaster in Wirklichkeit so bunt wie ein Kolibri, desgleichen der quellende Himmel, und nirgends die Farbe — das rote, das graue Haus —, die Du zu sehen meinst, sondern jede zur Hälfte bewirkt durch die andre. Oder — von der Brücke gesehn — ein Stück Isarbach im Englischen Garten in München, milchiges Grün, bewegt, bewegt, kristallenes Blau, Schneeufer, Bäume, gesträubt im Nebel, die Tiefe Schneedunst, und alles scheint weiß, und alles Weiße kam aus dem blauen Stift, und welch ein Duft von Lüften, von Ferne, von Ahnungen!
Du warst nie im Berliner Aquarium, Benno. Denke Dir, daß Du in dunkle Korridore trittst mit vielen und großen Rechtecken, starkleuchtenden in gelblichem, grünlichem Licht: die Glasscheiben der Wasserbehälter in der Wand, hinter denen sich das Leben der Tiefe bewegt, sprachlos, in leuchtenden Farben. Fische, durchsichtig aus Perlmutter gemacht, die Augen wie leuchtende Kugeln, die sich drehn, die Leiber dünn scheinend wie Pappe durch die Brechung des Wassers. Fische, gemacht wie aus weißem und gelblichem Sandgekörn, flach wie ausgeschnittene Papiere, die sich wellenförmig im weißen Sandboden fortbewegen, wo sie schwinden, wenn sie liegen. Fische, feuerfarben, Leiber wie senkrecht flach gedrückte Eier, an die seitlich und hinten lange, schlagende, faltige Schleier angesetzt sind, und dieselben in Schwarz wie in Trauer. Fische, blaugrau wie aus frischgefallenem Samt, Scharen, stille, die eine Handbreit über dem Grundsande hinweidend sich bewegen wie die Weidetiere unserer Ebenen ...
Und von diesem zog sie den farbigen Abglanz in kostbar stilisierten Umrissen, ins Geschwungene gelöst, in die Faltenregung der Wasser, zog sie das Unheimliche der Tiefe, die ewige Sprachlosigkeit, die Dämmerung und die unendliche Stille. —
Beim Zurückfahren am Abend nahm ich eine Bahn zum Potsdamer Platz — das abendlich reißend geschwollene schwarze Getümmel nur wahrnehmend wie einen donnernden Strom, über den ich hinglitt in der Muschel meines Herzens —, von wo ich mich zu Fuß zum Schachte der Untergrundbahn vor der Wertheimarkade durchzwängte.
Ja, da ragte es, ernst, mit umdunkelter Stirn, das Heim der Wertlosigkeiten, mit dem Aussehn eines ehrfurchtgebietenden Heiligtums. O, ihr Deutschen! Da wolltet ihr ein Kaufhaus bauen, eine Gelegenheit, wo euch das Kaufen, das Geldvergeuden ein glitzerndes Vergnügen sein soll, und anstatt eine lustige Menagerie hinzustellen, errichtet ihr eine düstre, alle Eitelkeit des Irdischen verneinende Kathedrale: Ziehe deine Schuhe aus ... und nennts den neuen Warenhausstil. Die einzige Kirche des zwanzigsten Jahrhunderts ...