Wie ich mich aber dann umdrehte, unter die Pfeiler mich rettend, drüben aus der Nachthöhe rings um den Platz die bunten, feurigen Räder umliefen, gigantische Schriftbänder vorstießen, Pfeile, Sonnen sich ausstrahlten, und am Grunde dieses Nachtgewässers der Strom sich ergoß, in den tausendfachen Skandal verdonnernd, eiserne Wagen an Wagen, erleuchtet, bis zum Rande voll stehender, sitzender Schicksale ohne Häupter, und die Kanäle der Fußgänger, unerschöpflich; wie ichs hervorquellen sah aus den tausend sich schwingenden, umwirbelnden Türen, und dahinter wimmelnde Treppenhäuser, senkrecht stürzende, senkrecht entfliegende Förderkörbe voll von Wimmelndem, und wimmelnde Säle, wimmelnde Zimmer bis unters Dach, zehntausend Fußpaare, zehntausend Schicksale sich hinabstürzend zum Grunde und im Ebenen hingerissen in eisernen Gleisen ihres Lebens, ein wieherndes Toben der Mühseligkeit, der Beladenheit, des Genusses, zum Schaudern ameisenhaft ganz und gar — — sieh, da wars wieder dasselbe Bild, das ich sah: ein einziger Strom des Lebens, der wahrhaften, göttlichen Lebensessenz um den Erdball ergossen, aus dem ein jeder schöpfen mag für sein Dasein, wo er steht. Und an solchen Stellen wie dieser, wo Hunderttausende trinken wollen — wieviel kommen da Tropfen in jeden der schnappenden Fischmunde? Sie ersetzen durch Luft, was fehlt an Essenz, durch Betriebsamkeit den Lebenstrieb, und das giebt dann — Sekt —, was Wein sein sollte —, das Göttliche versetzt mit Kohlensäure, Schaum für Kristall.
Dann aber, mein Benno, erschienen sie mir dort oben, im Dunkel der Berge, am Ursprung des heiligen Quells, die Beiden, die Geächteten so oder so, die Ausgeschlossenen von dem, was man ‚das Leben‘ nennt: an den Händen sich haltend mit Zartheit, die stillen, beredsamen Augen in Eintracht hinabgeneigt zum dunklen Kristalle des ewig Reinen, und herausholend vom Grund — wie der Tiefseeforscher im Perlkranz der Wassertropfen den farbig leuchtenden Schleier der Infusorien, der Zauberformen, der Rätselkristalle, der Rädertierchen und mikroskopischen Algen — so heraufholend diesen zartesten Schleier ihrer Künste, sie auszubreiten über Gebrechlichkeit und den unendlichen Schmerz. — —
Georg schob die Blätter zusammen. Ich schließe ein andermal, dachte er matt, jetzt finde ich weder zu mir noch zu ihm den Übergang, und — ich schrieb es ja wohl auch nur für mich.
Die Hände lasch auf den Blättern, vor den Augen noch Tumult und Vision, entkräftet im Herzen, lehnte er sich zurück, die Blicke aufwärts richtend in das Dunkel, wo die schweigsamen Fronten der Bücher sich in Stockwerken reihten.
Und du, Cordelia, dachte er vereinsamt, was tatest du? Fünfunddreißig Jahre Nacht, Nacht, Qual, Qual. Endlich die farbige Wonne, der kleine Schleier eines Halbjahrs. Und endlich — die Stille — der Triumph — das Lächeln für immer. Das war ein Leben?
Ist das das Leben? Ist dies der Strom: Leiden? Giebts keine andre Essenz, die das Leben verleiht? — Dann, dachte Georg, den alten Angstdruck aufkeimen fühlend in der Brust, dann komme ich wohl langsam näher ...
Nahm seine Sachen zusammen, löschte die Lampe und ging.
Zweites Kapitel: Dezember
Sylvester
Georg, zerdrückt, zersetzt und mißgefärbt, wie er sich aus Berlin mitgebracht hatte, wanderte gegen halb zwölf Uhr in der Neujahrsnacht vor der Reihe der sechs vom Erdboden aufsteigenden Fenster des langen Saales in Trassenberg auf und nieder. Dabei hatte er außerhalb der Fenster das schwarze Nichts, die Nacht mit einem oder zwei roten Lichtern im unsichtbaren Grunde des Landes; innerhalb den langgestreckten Saal, aus dessen drei Wänden, aus den drei Steinkaminen der Flammenschein herausschlug. Die Kamindächer hingen steil und düster wie gewaltige Brauen über den Feueraugen, deren Flackerblick die beiden mannsdicken, in der Höhe verästeten Holzpfeiler im Schatten ließen, welche, ein paar Schritt weit voneinander entfernt, die Saaldecke trugen. In der Dunkelheit der Wände oben ließ sich von Georgs irrendem Blick hier und dort aus den verblichenen und verrußten Wandmalereien eine Gestalt ergreifen, steif in Umrißlinien und Falten des zwölften Jahrhunderts, ein Schwert, ein verhangenes Roß oder die seltsam verschobene Figur einer Frau, hintenübergezogen vom spitzen Kopfputz und hangenden Schleier.