Georg blickte auf die Uhr, ohne die Zeit zu sehn, und erwartete seinen Vater. Ihn fröstelte; deutlicher empfand er die beiden Toten in der Nähe, Cordelias ewig triumphierendes Lächeln und die Gestalt seiner Mutter; diese manchmal hinter sich, an einem der Fenster, vereinsamt dastehend wie eine Verbannte, — und dann verspürte er wieder ihren Kopfschmerz, als könne der noch immer nicht vergangen sein ...

Diese Mutter ... Er zwang sich, zu vergessen, daß sie nicht die seine war, sich zu erinnern, wie es hier früher in dieser Nacht gewesen. Dann saßen erst er und sein Vater dort beim Punsch vor dem mittleren Kamin. Zehn Minuten vor Mitternacht erschien die Helene, Diener mit Windlichtern, die ein paar Fenster und die Glastür zum kleinen Altan öffneten — dem Einzug des neuen Jahrs. Sie sagte ein paar heitere Worte. Dann gingen sie zusammen zur Altantür und standen dort im kalten Atem der Winternacht und erwarteten den Glockenschlag. Er kam, feierlicher als jeder Stundenschlag im ganzen Jahr. Dann wurde in der Tiefe, vor der Kirche im Dorf der Holzstoß entzündet; sie sahen von hoch oben den roten Flammenschein, Gestalten, Portal und weiße Wand des Kirchturms im Schein, und im Kreis um das Feuer die Bläser mit ihren Messinginstrumenten. Nun läuteten die Glocken, der Choral stieg vernehmlich zu ihnen empor: Bis hierher hat mich Gott gebracht ... Beim zweiten Vers traten sie in den Saal zurück und ...

Jahrein — jahraus — zehn, elf Male hatte er das erlebt. Immer eine feierlich leichte, schöne Stunde ... Mein Gott, ist es anders geworden! Sie ist nicht mehr dabei, und ich selber bin —, nein, ich soll ... soll? Hier ein Fremder sein, ein Eindringling ...

Ratlos auf den nächsten Pfeiler zutretend, wie im Verlangen nach einer Stütze, fühlte Georg unter der tastenden Hand die Hunderte der Kerben, die den Stamm bedeckten. Hier hatten sie sich eingeschnitten, die einmal die Seinen waren, bei jedem Bankett, jeder Jagdtafel, sie und ihre Gäste, burggeseßne, erb- und schloßgeseßne Herren, später Grafen, Markgrafen, Herzöge ... Auf einem der Böden mußten noch mehr solche Stämme liegen, nachdem die ersten vollgeschrieben waren bis obenhin, — es war wohl mehr als ein Arm gebrochen, wenn sie Stühle auf Tische setzten in ihrer Berauschtheit, um höher hinaufzulangen, und an einem Pfeiler oben stand: Heint hab ich, Hugo Remmele, den — soundso — fast zu Tode gestochen, sintmal ich b’soffen von oben stürzte mit dem Säufang ... Oder so ähnlich ... Als Junge, sann Georg, konnte ich stundenlang um die Stämme rutschen, um die Namen zu entziffern, die Wahlsprüche und das Lateinische. Drei Kreuze, dacht ich, bedeuteten Tote ... Merkwürdig viel Kreuze ...

Georg sah aus Knabenkleinheit, in die er sich versetzt, geisterhaft umher. Die drei Kyklopenaugen glotzten, die Flammen züngelten in Buchenkloben, es war still ... Nein! nein! er nicht dazu gehören? Nein, davon empfand nie und nimmer etwas sein Herz! Nur unsäglich traurig war alles geworden. Traurig? Warum nur, warum? Nun hatte die Zeit auch Cordelias Lächeln fast getilgt, dies allzutriumphierende Lächeln ...

Georg, längst wieder am Fenster stehend, die erst kalte Scheibe warm geworden an seiner Stirn, hörte ein Geräusch und wandte sich. Ein Flügel der Tür zur Linken in der langen Wand war aufgeschlagen, und daneben stand im Schein des Armleuchters, den er selber hochhielt, Egloffstein, schwarz in Frack und Kniehosen, das faltige Gesicht unterm weißen Haar schief geneigt wie immer. Die Schritte und die Stöcke des Herzogs wurden hörbar, er kam zum Vorschein, im Frack, — ja, das war nun auch anders, denn er ging, er ging ganz gut, schon ziemlich grade, machte richtige Schritte, — erstaunlich, was sein Wille in ein paar Monaten zustande gebracht hatte! — Georg ging ihm entgegen, nur mit einem ernsten, schnellen Blick von ihm ins Auge gefaßt. Hinter ihm Leopold und Egbert in ihren blauen Livreen trugen, der eine das Brett mit dem Bowlengefäß und Gläsern, der andre eine kleine Truhe, und setzten beides auf den alten Holztisch vor dem Mittelkamin. Georg hörte Egloffstein seinen Vater etwas fragen und „Halb eins“ aus der Antwort, während er Egbert zusah, der den Fuß eines Baumstamms zum Feuer trug und hineinlegte; die Flammen duckten sich, leckten mit körperlosen Zungen daran empor, unterhalb knisterten dunkelrote Funken in der schneller anglimmenden Rinde. Georg gingen die Augen über im Hinsehn, bis ein leises Klirren ihn veranlaßte, sich umzudrehn. Sein Vater, jetzt allein, stellte eben den Löffel in die Bowle zurück, reichte dann Georg sein Glas. „Ach, du trinkst ja wohl nicht ...“ sagte er, sich erinnernd, und lächelte. Georg antwortete mit einem Lächeln und setzte sich am andern Ende des Tisches den Fenstern gegenüber. In dem Glase dampfte der goldenbraune Punsch, Schwaden zogen sich um die Flammen des Leuchters. Ja — dies war wie immer ... Auch dies, wie sein Vater das Glas gegen die Lichter hob, dann kostete. Auch Georg nahm einen Schluck; die flüssige Glut verschlug ihm den Atem, er mußte hüsteln.

Und dann folgte er mit den Augen den langsamen Bewegungen seines Vaters, mit denen er seine Zigarrentasche hervorholte, eine herausnahm, nachdem er mehrere hinter den Klappen gelüpft und gedreht, sie auf den Tisch legte, die Tasche schloß, dann wieder aufklappte und Georg mit einem Lächeln hinhielt. „Dir zu Gefallen“, sagte Georg, eine nehmend, biß wie sein Vater die Spitze ab, aber das mißlang natürlich, er mußte das Deckblatt festlecken und vergaß darüber, seinem Vater den Leuchter zu reichen. Plötzlich sah er ihn aufrecht dasitzen, eine Hand auf der Tischplatte, die Zigarre im Munde, den Leuchter erwartend ...

Er hatte sich aber noch kaum nach den ersten Zügen zurückgelehnt, als die kleine, stets Minuten vorgehende Uhr auf dem Kaminsims zum Schlag aushob. Sie nickten sich zu, der Herzog hob seine Stöcke, sie gingen zur Glastür, Georg öffnete, eisig schlug die Nachtluft über sie hinweg. Da — in der Tiefe rechts brannte schon der Holzstoß, Schatten bewegten sich umher, die Bläser stellten sich im Kreis, Messing blitzte, die Dörfler drängten sich herum, beleuchtete Gesichter waren zu sehn. Dann klang der erste Glockenschlag, die Mitternacht schwebte vernehmlich in klaren Tönen herauf, der Choral setzte ein. Georg spürte auf seiner Schulter eine schwere Last, die Hand seines Vaters.

Zudritt mit der Unsichtbaren standen sie in der nächtigen Höhe. Georgs Herz schlug schwer, — er sah das Vorjahr, die Vorjahre ... sah sie und ihn und sich selber wieder in den Saal zurückgekehrt ... Doktor Birnbaum war schon da mit seiner großen Truhe auf einem Stuhl und Fräulein von Rabenau mit ihrem Arm voll weißer Narzissen. Die Saaltüren standen weit offen. Sie waren lustig. Draußen war der Rücken des Kantors sichtbar, taktschlagend mit beiden Armen, und der Kinderchor klang. Dann kamen sie herein, der Kantor, die Kinder, dahinter das ganze Gesinde, von Egloffstein geführt, bis hinunter zum letzten Stallknecht und Hütejungen, Knechte, Mägde und die Dienerschaft. Zogen vorbei, und jeder bekam dreierlei: vom Herzog einen goldenen Händedruck aus der Truhe, von Georg einen einfachen, von Helene eine Narzisse. Und hundert Stimmen, tief und hoch, heiser und hell — der Neujahrswunsch. Seit er stehen konnte, im weißen Kleidchen, hatte er seine kleine Hand hinhalten müssen, seinen Diener gemacht und in die großen fremden Züge über ihm gesehn ... Die Mägde machten heilige Gesichter, wenn sie ihre Narzisse hatten, trugen sie hinaus wie ein Altarlicht, und manche weinten trotz strengen Verbots. Und Mama ... Manchmal war sie am Umsinken vor Schmerzen. Dann stand sie, die Augen fielen ihr zu, die Finger der Linken preßten die Schläfenader, nahm eine Blume nach der andern aus der Hand des alten Fräuleins, reichte sie hin und lächelte dazu. Jeder bekam seine Blume und sein Lächeln. Dann hauchte sie Gutenacht und lief hinaus.

Georg brannte der Kopf. War dies nicht schon der dritte Vers des Chorals? — Da wußte er, daß sein Vater sich fürchtete — wie er selber — vor dem Sichumdrehn und dem, was hinter ihnen war ... Aber im nächsten Augenblick fühlte er sich von der Hand auf seiner Schulter herumgedreht, sein Blick streifte dabei über das angespannte, entgeisterte Gesicht seines Vaters. Da war der leere Saal ...