Georg konnte nur den Kopf neigen, wieder und tiefer beschämt, als werde er belohnt für eine Leistung, die ein Andrer ihm abgenommen hatte ... Ich habe ja nichts getan! dachte er.
Indem vernahm er wieder die Stimme seines Vaters.
„Siehst du, — einmal ... du warst noch ganz klein — standen wir dort, zu Zweien, in der Neujahrsnacht. Und da —“ Er stockte, räusperte sich, hustete und fuhr fort: „Hast du je empfinden können, was sie gelitten hat? Später wurde es ja wohl besser, das Dunkel tat wohl, die Gewohnheit ... Aber dies Dasein! Ihr Geist, ihre vielen Gaben — so verurteilt! Aber — der Anfang! Sie schloß sich ein des Nachts. Ich konnte nicht zu ihr. Da habe ich — nächtelang — vor ihrer Tür gelegen und gehorcht. Und sie wimmerte, sie — kannst du dir das — denken? Ich glaubte, ich könnte ihre Zähne aufeinander schlagen hören. Ich hörte sie hin und her irren und leise jammern, minutenlang, Worte stammeln, schnell, immer schneller, bis es immer lauter wurde und sie aufweinte. Dann wurde es wieder leiser, hörte ganz auf. Und dann fing es wieder an. Und endlos. Heulen hab ich sie gehört. Sie, diese —, sie ...
„Und dann — einmal — standen wir dort. Der Vorbeizug war vorüber, sie taumelte auf mich zu, wir waren allein, sie bohrte ihre Stirn gegen mich und schrie: Ich kann nicht mehr! — Dann riß sie sich los und lief auf den Altan. Ich weiß nicht, wie ich sie noch einholen konnte, und dann, — dann wollten wir Beide hinunter. Ich — ich war jung, und gelähmt, und dazu sie ... Ich wollte auch nicht mehr können. Plötzlich sah sie mich an, ihr verzerrtes Gesicht glättete sich sonderbar. Sie sagte: Merkwürdig ... nun ist es weg. — So stand sie lange, lauschte und wartete, schüttelte den Kopf und wiederholte: der Schmerz sei weg. Wir weinten wohl zusammen und dachten eine Weile, er sei wirklich und für immer verschwunden. Ich weiß noch: sie lächelte wieder und meinte, es wäre wohl wie beim Zahnarzt: wenn man die Treppe zu ihm hinaufstiege, sei der Schmerz fort. Ich hielt sie noch, und dann merkte ich auf einmal, daß sie schlief. Ich hab bei ihr gesessen, sie schlief bis zum Morgen. Da war der Schmerz wieder da ...“
Georg hatte zugehört, in Siedehitze getaucht vom Kopf zu den Füßen; seine Hand war feucht, als er sie von der Stirn löste, doch hörte er nun ein Geräusch, wandte sich und sah Egloffstein gedämpft hereinkommen und sich dem Herzog zeigen, worauf er wieder verschwand. Sie erhoben sich Beide, der Herzog murmelte, es sei Zeit für ihn, — ob er noch sitzen bleiben wolle ... drückte Georg nur heftig die Hand und ging hinaus.
Als Georg dann wieder im Stuhle saß, sah er die Zukunft vor sich stehn, unentrinnbar. Er fühlte, daß nichts sich hatte ändern lassen, er hatte weiter und weiter gehen müssen auf diesem Weg, nun nur noch wenig Schritte, und das Ziel war da. Trotz der Angst aber, die es ihm einflößte — oder war das nicht es? — schien ihm alles sehr leer, oder leicht, oder — sinnlos. Das Wirkliche, dachte er, ist doch ganz wo anders. Dies gehört zum Dasein, jenem, in dem man sich kleidet und ißt, arbeitet, einen Beruf hat, Umgang mit Andern, Pflichten. Es ist nicht das Leben.
Und da war es ihm, als befände er selber sich weder hier noch dort. Er lächelte; saß er nicht in der einsamen Nacht zwischen dem ersten Tag des neuen und dem letzten des alten Jahrs? — Er mußte eine Bewegung mit den Händen machen, wie um nach rechts zu tasten und links, das Dasein zu fühlen, dort, und hier das Leben. Da war aber nirgend etwas. Nur die Luft. Es ward totenstill. Und in der Leere konnte er sein Herz sehn wie einen schwarzen Klöppel, der ohne Glocke hing, sinnlos, im Schwarzen der Nacht.
Drittes Kapitel: Januar
Neujahr
Renate, beide Handflächen gegen die plötzlich entflammenden Wangen pressend, im Sessel vorgeneigt, rief: „Das möchte ich nun einmal wissen, warum du und ich am Neujahrssonntag hier sitzen!“