Alles sah er. Ein Zimmer. Auf einem ovalen Tisch eine brennende Petroleumlampe; davor einen Berg Wäsche; und daneben — sie, an einem glänzenden Kleide nähend, das über ihren Schoß hin lag, und sie trug ein niegesehenes, loses, morgenrockartiges Kleid, unordentlich; und vor dem Wäscheberg lag ein aufgeschlagenes, vom Zusammenrollen verbogenes Heft, aus dem sie lernte, — ja, er sahs, alles, und nur eins sah er nicht, obgleich er sich bemühte: ihr Gesicht, — nur das Braun vom Haar, undeutlich. Aus der Erscheinung aber glühte es ihn an, daß ihm heiß wurde und heißer: ihr Leben, ihre Tage und Nächte, der endlose Kampf, die brennende Sehnsucht, die Hülflosigkeit am Abend, immer wieder Unverzagtheit am Morgen, immer Hoffnung, Hoffnung, Erwartung, heute, wieder heute, hundert, tausend Heute der gleichen Mühsal, und immer Enttäuschung, immer Entsagung, Verzweiflung, Ratlosigkeit, neue Kraft, neuer Wille, und wieder umsonst, und Arbeit, Arbeit, nächtelanger Fleiß, die ganze unselige Inbrunst, die rasende Erwartung, das Nichtmehrwartenkönnen, das verzweifelte Weinen, der Jammer grenzenlos. Er sah ihre zerbrochene Seele, daliegend entstellt wie eine ausgerissene Pflanze. Alles einst Strahlende, innerst immer noch mit wütender Glut sich Wehrende, in trostlosen Zimmern zerstampft, verschüttet, — ein ewig währender Schmerz in der Brust, wie die Andre ihn im Kopfe trug, wandelnd Beide mit feuergefüllten Becken im lebendigen Fleisch ... Und wieder sah er sie eintreten in das schöne Tor, in das leuchtende Schloß, betäubt von Ehrfurcht, zum Kinde geworden vor unsäglichem Staunen, — doch schob sich selbstwillig ein andres Bild dazwischen, das sich nicht verdrängen ließ: die erste Nacht, ihre fast unheimliche Scheu, die dann jählings umschlug in überschwängliche Wonne, Tränen der Wonne — weshalb? Er wußte es nun, verstand nun die Verzweiflung der jahrelang verfälschten Lust, die zum ersten Mal doch endlich sie selber sein durfte, hinströmend in der Umarmung des Geliebten. — Der Brief, ihr Brief mit ihrem Leben brannte auf seiner Brust, und plötzlich, alles Denken fortkrampfend, riß er ihn heraus, ging auf seinen Vater zu, sah ihn ihm entgegenblicken und blieb zaudernd stehn.
„Nun, mein Junge, was hast du?“ fragte er weich.
„Ich? — Ich, Vater, ich hatte — zwei Tote in diesem Jahr. Und — — wenn du dies vielleicht lesen möchtest ...“ Er gab ihm die Briefe, den kurzen und den lebenslangen, setzte den Leuchter näher herzu, warf sich dann selber in den Sessel am Ende des Tisches, legte den Kopf in die Hand und schloß die Augen.
Er wollte nicht denken. Er ließ Wortgebilde, Begriffe, Sätze, Bildstücke in sich herumlaufen, sinnlos und leer, immer wieder zurückprallend mit der inneren Woge von den Briefblättern, die er hin und wieder leise knistern hörte, immer wieder hineingezogen, zu dieser Stelle, zu jener, an welcher sein Vater jetzt halten mochte ...
Sie war glücklich das Halbjahr, dachte er, und doch hatte sie noch eine Hoffnung über das Glück hinaus, mußte noch immer hoffen — hoffte, fruchtbar zu sein — ein Kind ... War es diese Sehnsucht, die sie dermaßen befeuerte, die Nächte so glühend machte, Nächte — jede wie eine Traube, und jede Beere eine Zelle von Rubin, in der sich Götter umarmten, daß die ganze Traube erdröhnte ... Ach, nein, ihre Hoffnung war leise, blühte auf in den stillsten Stunden des Einsamseins, war ein Duft, ein Glück über dem Glück, denn nur das Glück ist ganz süß durch und durch, über dem noch ein andres Glück schwebt ...
Georg wartete noch, wartete, wieder leer, ertrug es endlich nicht mehr und sah nach seinem Vater. Der saß groß, aufrecht zurückgelehnt. Die Blätter lagen auf dem Tisch. Nun kam sein Blick herüber, Georg sah die nahstehenden Augen, verschleiert, sehr weich, und der Blick durchschmolz seine Brust, so daß er sich plötzlich schämte und die Augen abwandte.
„Sie ist tot?“ hörte er fragen.
Georg nickte. „Ich habe sie gesehn“, sagte er dann. „Sie lächelte. Es läßt sich nicht sagen. Aber — sie war ganz drüben — und wußte — alles.“
Es war still.
„So ist es überall das gleiche“, sagte der Herzog langsam. „Abgrund. Dich dachte ich nicht so nahe daran. Aber — du hast es überstanden?“