Hatten sie Brüderschaft getrunken? — „Schade,“ meinte Georg, „aber ich verdiene es wohl nicht — für damals.“

Georg hörte Schley lachen und von jenem Abend reden. — Wie seltsam ängstlich ihre Augen waren. — Ihr Mann blickte auf die Uhr, meinte, es würde Zeit für ihn, und küßte seiner Frau die Hand, ermahnte sie, guten Mutes zu sein, drückte Georg die Hand und ging. Nun stand Georg näher vor ihr, sah auf sie herab, aber sie sah ihn nicht an, sondern nach drüben hinaus. Endlich blickte sie auf: ob es ihm recht wäre, sie habe ein Stück die Allee hinunterfahren wollen. Oh, das sei reizend, meinte Georg, da wohne er ja. Er setzte sich in die andre Ecke des Rücksitzes, der Kutscher sah sich um, der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

Georg vermied es, sie anzusehn: sie hielt das kleine Gesicht gesenkt, drückte zuweilen den kleinen schwarzen Muff dagegen, sprach kein Wort. Auch wars allzu lärmend herum, der Verkehr drängte fast in den weit offnen flachen Wagen, vorüber- oder mitfahrende Radler sahen zu ihnen herein, eine lange Zeit blickte vom Hinterperron einer Trambahn ein Halbdutzend Augenpaare auf sie herunter, nun waren sie über den Platz am Café und rollten leichter die breite Straße hinab, plötzlich blendend überflutet vom Untergang der Sonne, in die sie gerade hineinfuhren, die alles umher glühend färbte und Georg zwang, sich im Wagen auf und vornüber in den Schatten des Vordersitzes zu setzen.

Virgo Schley, dachte Georg. Eine Waise, hatte er gehört, die Adoptivmutter eine sondre, alte Frau, — der Vater des Freiherrn hatte sich vor kaum drei Jahren erst den Adel gekauft, der war freilich nicht viel wert. Langsam kehrte ihr erster Blick in ihm wieder, wie war der doch geschwisterlich gewesen, heimatlich ... Da lenkte der Wagen auf die andre Straßenseite und hielt gleich darauf.

„Ach,“ hörte er sie leise sagen, „hier ist ja der Obstladen ... ich wollte ... bitte, helfen Sie mir heraus.“

Georg sprang eilfertig auf den Bürgersteig und hielt ihr die Hand hin, sie streifte, als koste es sie die schwerste Anstrengung, die Decke von den Knien, erhob sich, — und Georg konnte nun die leichte Schwellung ihres Leibes sehn, wie der Kleidrock sich, von der Decke unten gehalten, straffte: sie war guter Hoffnung. Schwer auf seinen Arm sich stützend, stieg sie mit unendlich langsamer Vorsicht aus. Im Laden kaufte sie unter hundert Zweifeln, Zurücknahmen und Änderungen eine Menge Trauben, Ananas und Birnen, so schöne, gelbe, daß Georg, auch aus Mitleid mit der Verkäuferin, für sich einige von ihnen kaufte. Als sie wieder im Wagen saßen, war sie völlig erschöpft, lachte aber nun ein wenig über sich selbst und fing an zu plaudern, fragte, ob Georg noch studiere, ob er Berlin nicht hasse, und Georg wurde redseliger und versuchte, ihr diese und jene absonderliche Schönheit von Berlin zu beschreiben, so einen Frühlingsabend, wie er ihn eben noch gesehn, wenn in den Körben der Verkäuferinnen in den schon grauen Straßen die Blumenberge leuchteten, gelb von Primeln und Narzissen, feuergolden von Tulpen und blaurot von Rivieraveilchen, und dann die gewaltigen Schattenmassen der Häuserblocks mit ihren Schloten und Türmen in einer brandigen, schwärzlichen Röte, die ins sanft Klare rauschte, in durchsichtig weißes Gold, und über allem der grüne Himmel, locker bemalt mit vergehenden silbernen Rändern von unsichtbaren Wolken, höher hinauf so blau wie das Meer auf japanischen Holzschnitten.

Sie rollten schon auf dem Fahrweg neben der kahlen Allee; angenehm trabten durch die Stille die großen, ebenmäßigen Hufschritte. — Da bist du nun ... hatten ihre Augen gesagt — da bist du nun — da bist du nun ... Ein süß beklemmendes Mitleid bedrängte sein Herz. Bereitete sich hier der Frühling vor, den er eben beschrieb? Nacktschwarz und wie hineingesteckt standen die Gesträuche auf dem graugrünen Rasen, der Himmel war rein und leer; Georgs Gesicht wurde im Fahren durch entgegenschwimmende laue und kühlere Wellen gezogen. Schwere Krähen, wie aus Metall gemacht, schritten im weichen Grasboden, spreizten die Fittiche auf, grün schillernd im Schwarzen, sprangen ab, schwebten zwei Schritte überm Boden ein Stück, landeten hart und in kurzen Sprüngen. Ach, nicht denken, stammelte Georg innerlich, nichts denken! Einfach hinnehmen! Wie entsetzlich war dieser Winter! — Ich will sie in mein Haus tragen, sie ist ja wie ein verkümmerter Vogel. — Er sah sie wieder an und sagte sich: Ich werde sie lieben — so wie Esther —, ich kann nicht anders, mein Herz folgt einmal jedem Stern, um so lieber, je zarter und hülfloser er scheint, ich muß immer brüderlich sein und beschützen. Nun, der Wagen rollte von selber den Weg durch die Anlagen hinunter, schräg auf die Sternwarte zu. Georgs Herz fing an zu pochen, sie kamen näher, das Schlößchen wurde sichtbar, da standen die Kandelaber, Gott sei Dank, er war wieder zu Hause.

„Bitte, halten Sie“, sagte er zum Kutscher, als sie in der Nähe der kleinen Tür waren, und faßte sich ein Herz. „Ach, bitte, kommen Sie nun mit, ich zeige Ihnen meinen Garten ...“

„O, wie gerne!“ sagte sie gleich, kindlich erfreut, und siehe da, es ging durchaus leichter diesmal mit dem Aussteigen, und sie lief mit kleinen, leichten Schritten neben ihm her. —

Lächelnd erschien der blasse Egon. — Das Zimmer war vorbereitet, Blumen in allen Vasen — alles war wie einst. — Sie sah sich neugierig um, den Kopf drehend. „Wie hübsch ist es hier!“ meinte sie; sonderbar, das hatte doch noch niemand gesagt! — „Die Menge Bücher! Lesen Sie so viel? — Später werden Sie mir vorlesen, mögen Sie gern Verse? Ich mag nur Verse.“