Ach, da war nun ein Mensch, der nicht das geringste von ihm wußte, und er von ihr — — ja, was war da wohl viel zu wissen. Sie war ganz dicht zu ihm getreten und sah zutraulich zu ihm auf; ganz rasend überfiel ihn das Verlangen, sie in die Arme zu schließen, er sah, daß sie einen Handschuh ausgezogen hatte, ergriff ihre Hand und zog sie zum Munde empor. Da sie nicht wieder fortgezogen wurde, küßte er sie langsam von allen Seiten — o wie war sie glatt und warm und weich und lebendig, ohne Ring, ohne alles! — küßte den Rücken, das Gelenk, die Finger einzeln, den kleinen, weichgekrümmten Daumen, der ein kleines, runzliges Gesicht hatte.
„Ja, was machen Sie denn?“ hörte er sie nach einer Weile fragen. Klein stand sie vor ihm, den Arm hochhaltend, die Brauen ein wenig gerunzelt, aber der Mund lächelte — lächelte atemberaubend.
„Soll ich nicht?“ fragte er.
„Ach, warum nicht,“ meinte sie achselzuckend, „wenn es Freude macht. Aber nun muß ich sitzen.“
Georg mußte ihr einen Sessel vor die Gartentür schieben, dort versank sie, zog auch den andern Handschuh aus, aus dem ein locker sitzender Reifen von Gold zum Vorschein kam, den sie gleich abzog und ihm gab. Er sollte ihn auf den Tisch legen, er sei ihr immer zu schwer. „Aber nicht vergessen nachher, daß ich ihn mitnehme!“ rief sie leicht und lachte in sich hinein.
Georg war ratlos. Sie war ja ein Kind — und Mutter — — und hieß Virgo? — Sie legte die Handflächen gegeneinander über dem Muff im Schoß, neigte das Gesicht und sah nach oben, gegen den verblaßten Himmel, großen, gläubigen Auges. Bald darauf nestelte sie den Hut los — es sei ihr alles zu schwer —, fuhr mit den Händen ins braune Haar, das kurzgeschnitten war und lockig um das kleine dreieckige Gesicht stand; im Nacken war sie völlig ein Knabe. Sie sah wieder gradaus; Georg, nicht weit hinter ihr an der Schreibtischkante lehnend, konnte die Augen nun nicht mehr wegwenden von ihrem Gesicht, und bald kamen die ihren langsam herbei. Die Nasenflügel blähten sich ganz leise auf, Georg sah es deutlich, — es erinnerte ihn an — an ein Kind, das sich im Schlaf bewegt, aufatmet und tiefer schläft.
„Heißen Sie wirklich Virgo?“ fragte er. Sie nickte lächelnd.
„Komisch, nicht?“ Ernster dann, und mit seltsam tiefer Stimme, und doch nicht ohne — ohne etwas Verlockendes in Blick und Stimme, sagte sie: „Denken Sie nur! Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, eine alte Frau nahm mich zu sich, die nannte mich Virgo.“
„Pflegt sie nicht in Hosen zu gehn?“ fragte Georg, sich dunkel erinnernd, „und Pfeife zu rauchen?“
Virgo lachte. Sie wäre selber immer in Hosen gegangen, es sei herrlich, und ihre Stiefmutter sei um die Wette mit ihr geritten und habe Hurra geschrien, Georg sollte sie kennen lernen. Nach einem Schweigen sagte sie süß und ganz langsam: „Georg ist ein schöner Name!“ —