Georgs Herz fiel in Stücken auseinander. Cordelias Worte ... Himmel, diese Wiederholungen! — Schwer sich bewegend, nahm er einen Stuhl, er glaubte, sie nicht mehr ansehn zu können, setzte ihn neben ihren Sessel und ließ sich nieder. Ein Weilchen später legte er seinen Arm auf das weiche Lederpolster der Lehne ihres Sessels, und es dauerte nicht lange, so glitt eine leichte, warme Flocke darauf, ihre Hand; ihre Finger schoben sich in die seinen, sie sagte ganz leise wieder:

„Ich habe mich immer“ — jetzt ward ihre Stimme ganz tief — „so namenlos gefürchtet vor — dem Kind. Am meisten vor Wolfgang —“ Die Stimme wechselte wieder und tönte hell: „— nun bei Ihnen ist es gut, und ich kann alles vergessen.“

Georg rührte sich nicht. Ihm war sonderbar zufrieden zumut, ja, glücklich. Dies Kind eine Weile zu schützen, das war sehr gut. Er glaubte, getrost den Arm um ihre Schulter legen zu können, obwohl er es seinetwegen tun mußte, nicht ihretwegen, aber kam es nicht allein darauf an, wie sie es empfand? — So löste er die Hand aus der ihren, legte dafür die andre hinein und den Arm um ihre Schulter. Als sie sich gleich tiefer hineinlehnte, mußte er sich sagen: Sie trägt ja ein Kind — wie kann sie mich empfinden? — So saßen sie schweigsam zusammen, sahen die Schar der qualmenden Fabrikessen in der Ferne langsam undeutlicher werden in der sinkenden Dämmerung, fühlten warm ihre Hände und waren jeder — Georg sprach es sich aus — in einem Reich für sich — aber doch hielten sie einander und spürten Wohltat. — Als es fast dunkel im Zimmer war, machte sie ihre Hand frei und flüsterte, sie müsse gehn, sie würde erwartet. Sie erhob sich dann, Georg reichte ihr den Hut, sie setzte ihn auf, nahm Handschuh und Muff aus seiner Hand, stand noch ein Weilchen und sah sich um. Dann ging sie leicht hinaus.

Aus dem Wagen die Hand streckend, sagte sie nur: „Ich komme bald wieder.“

„Morgen?“ fragte Georg.

Sie lachte hell und kindlich: „Morgen früh! Los, Krischan!“ rief sie dem Kutscher zu. Hinter dem davonrollenden Wagen erschien im Dunkel der Bäume langsam das kleine, bläßliche Dreieck ihres Gesichts fast wie ein leerer Wappenschild, in dem dann langsam die beiden Augen aufgingen. Georg suchte schwereren, aber nur von süßer Ratlosigkeit und Hoffnung schweren Herzens sein Zimmer wieder auf, setzte sich an den Schreibtisch, und etwas fiel zu Boden, rollte und blieb klirrend liegen. So —! Ihr Ring — natürlich hatten sie ihn vergessen. Er suchte, fand ihn nicht, machte Licht und sah ihn vor der Bücherwand liegen, glänzenden Auges wie ein erwischter Igel. Er hob ihn auf, trat zur Lampe, ließ sie aufflammen und suchte nach einer Schrift im Innern des Reifens. Wolfgang Theodor stand darin, 24. Mai. — Georg wog den Ring in der Hand, schob ihn dann in die Westentasche, dachte: Ich will ihn ihr bringen, dann seh ich sie gleich — —, aber er entschlug sich des Wunsches. Da lag die Tüte mit Birnen auf dem Tisch. Ja, Birnen! dachte er erfreut, drehte den Sessel, in dem sie gesessen hatte, gegen das Licht, holte eine Birne hervor, riß durstig den Stiel aus und biß von oben hinein wie als Junge. Der Saft tropfte, er verschlang sie mit Stumpf und Stiel atemlos und griff nach einer zweiten. Indem er sie in der Hand wog, hörte er sagen: Das sind so Sexualitäten. — Er lachte schnaufend durch die Nase. Wo hatte er das —? Richtig, in jenem Tanzsaal in Halensee, zwei solche Handlungsgehülfen standen zusammen, und als zwei Mädchen vorbeitanzten, fragte der Eine: Was sind das für welche? Ach, das sind so Sexualitäten, sagte der Andre. — Georg zertrat den Gedanken ergrimmt. Sie ist Mutter, dachte er, ja, wie ist das zu glauben? Da war ihr knabenhafter Nacken, ja, so mußte Marias Nacken gewesen sein und so geneigt, als der Engel eintrat und die Lilie gegen sie neigte, und sie konnte nichts begreifen ...

Nein, keine Birne mehr! sagte er. Die erste war unübertrefflich, eine Birne ist besser als zwei Birnen, das ist klar, Wiederholung wirkt tödlich. Oh, und nun wird es womöglich eine Wiederholung Esthers geben. — Die Frucht in der Hand, die langsam warm wurde, sah er ins Licht und dachte: Liebe Esther! Es war ihm, als hielte er eine Hand umschlossen, langsam begann es in ihm zu wogen, auf einmal hielt er die Worte: Wer noch so jung ist wie du ... Weiter ... Wie weiter? — Wer noch so jung ist wie du — Fühlt noch der Schmerzen Gewalt ... Behutsam stand er auf, legte die Birne fort, setzte sich vor den Schreibtisch, nahm Bleistift und den Notizblock und schrieb:

Wer noch so jung ist wie du,

Fühlt noch der Schmerzen Gewalt;

Später wird alles gelinde,