Georg mußte sich zusammennehmen, nicht durch die Nase zu blasen, und glaubte, vor Wut zu explodieren. So. Nun kam es. Erst verzichtete man, fand sich ab, fand sich hinein, ging seiner Wege, — ja, erst hatte man den schönsten Plan, arbeitete dran Jahre lang, rüstete sich, freute sich, kam näher, und dann — wars nichts. Dann — fand man sich ab, war schon ganz wo anders, und jetzt — — fing es wieder an, aber: zum Nichtwiedererkennen abscheulich entstellt! Und — und warum hat Papa nur geschwiegen? Fast zehn Tage geschwiegen? — Dumpf, hinter unbeweglichem Gesicht die Zähne zusammenbeißend, hob er die linke Hand gegen das Gesicht, betrachtete sie aufmerksam, konnte endlich fragen:

„Bitte, — ehe wir weitergehn, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu sagen, wie Prinzeß Sigune selber sich zu dem Wunsche ihres Vaters verhält.“ Mn — dachte er, das war ein Faux pas, daß ich auf den väterlichen Wunsch gar nicht eingegangen bin, aber das ist mir — Wurst!

Der Hofkammerrat lächelte. Ja, er lächelte ganz freundlich und sagte: „Die Prinzessin hat selbstverständlich keine andern Wünsche als ihr Vater.“

Georg sah dies Mädchen, mager, eckig, unschön, allzublond, schrecklich schüchtern, — neun Jahre war sie damals. O lieber Gott, nein, diese ganze kranke Familie! Sicher war sie mondsüchtig. — Der Kammerrat derweil sprach ganz freundlich weiter:

„Die Prinzessin ist leider ein körperlich nicht besonders starkes Kind; was aber die Natur hier versagte, das, kann ich wohl sagen, hat sie durch eine reiche, innere Fülle, an geistigen, ganz besonders aber an seelischen, an Herzensgaben ausgeglichen. Dies weiß vielleicht, ja ich möchte ruhig sagen: dies weiß sicherlich niemand so gut wie ich, da sie mir in langen Jahren ihrer — leider — allzueinsamen Jugend fast wie ein eignes Kind geworden ist. Ich bin freilich eine — ich möchte sagen, philologische Natur, andre würden es auch nennen: lehrhaft, — immerhin — die Prinzessin, —“ er bog plötzlich ab und fuhr fort: „Ich selber habe die Prinzessin von diesem sie betreffenden Ereignis in Kenntnis gesetzt. Die Antwort, — obwohl, wie ich der Wahrheit halber gestehen muß, nicht leicht zu erlangen, war derart, wie ich — nun, wie ich sie erwarten durfte. Und meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit werden Durchlaucht bereits erraten haben.“ Er hatte seine Brille wieder aufgesetzt, stand auf, griff nach seinem Zylinder und sagte: „Ich habe den Auftrag, Euer Durchlaucht eine Bedenkzeit von einigen Tagen zu überlassen. Der Tod des Erbprinzen, so sehr er die Entschließungen meines königlichen Herrn beschleunigte, bedingt einigen Aufschub. Immerhin, sollten Euer Durchlaucht willig sein, auf die Ideen des Großherzogs einzugehn, so möchte ich mir gleich erlauben, einen Besuch Euer Durchlaucht in Zinna etwa nach Ablauf von drei oder vier Wochen in Vorschlag zu bringen.“

Georg hatte sich erhoben, stützte die Hände auf die Schreibtischplatte und blickte angestrengt aus dem Fenster. Er fühlte die Wut verraucht und sich kraftlos und müde. Ich könnte ihn gleich wegschicken, dachte er gleichgültig. Ohne seine Stellung zu verändern, drehte er Schultern und Gesicht nach dem Dastehenden herum und sagte möglichst ruhig und nicht unfreundlich:

„Ich möchte Ihnen keine allzugroßen Hoffnungen machen. Sie kennen mich nicht, Graf, Sie haben vielleicht von mir gehört, jedenfalls — ich bin kein Mensch —“ hier fiel ihm ein, daß gewiß schon Viele, in der selben Lage wie er, die gleichen Worte gebraucht hatten — „der sich —“ er wollte sagen: auf den Befehl eines alten Trottels, sagte jedoch kurz abschließend: „auf Wunsch verheiratet.“

Danach wandte er das Gesicht nach dem Fenster. Der Graf räusperte sich hinter ihm. Er möchte nicht denken, hörte Georg ihn sagen, daß er eine von dieser sehr verschiedene Antwort erwartet habe. Immerhin gebe es ja noch andre Wege für den Großherzog, und Georg dürfe glauben, daß dieser Weg kaum beschritten worden wäre, ohne Georgs eigne, vorangegangene Initiative, die seine Absichten, zur Regierung zu gelangen, offenbart hätten. — Ja, also nun bin ich noch selber schuld! — dachte Georg gekränkt.

„Also bitte,“ sagte er, sich umdrehend und locker die Hand hinhaltend, „kommen Sie morgen wieder.“

Er fühlte seine Hand kurz ergriffen und wieder losgelassen. Der Graf wich zur Treppe zurück, Georg folgte mit zwei Schritten empor und öffnete, draußen stand Egon und öffnete die Haustür, Georg sagte Adieu, schloß die Tür und blieb stehn. Das Gefühl, niesen zu müssen, ließ ihn das Taschentuch ziehn, er schneuzte sich, nieste dann ein paar Mal heftig, die Augen tränten ihm, er dachte: ich habe mich im Saal erkältet. Nun fühlte er auch Schmerzen im Rücken, wünschte, sich auszustrecken, aber es war kein Sofa da. Langsam ging er in sein Schlafzimmer und legte sich auf das Bett. Im Fenster war der traurige Märzhimmel und Geäst; er lag fast wie in Berlin.