Sie kann ja einen Andern heiraten, und der kann Regent werden. Oder der Beuglenburger Lipsch kriegt einen Konsens und heiratet sie. Ach, was geht das mich an! Nein, ich bin diese Sache nun müde. Merkwürdig! fuhr es durch ihn hin, habe ich eben wohl nur einen Augenblick bedacht, daß ich der gar nicht bin, für den er mich hielt? Genug, genug mit dem Ganzen! — Er warf sich herum, fühlte seine Nase dumpf und verschlossen, legte sich auf die Seite, das Gesicht nach der Wand und zog heftig Atem. Langsam erleichterte sich das rechte Nasenloch und wurde frei. Ob Papa dies alles wohl gewußt hat? — fragte er sich plötzlich. Der Erbprinz war ja immer krank gewesen. Oder weiß er vielleicht einen andern Weg? Und wenn ich nein sage, was dann? — Sein Kopf glühte, er stützte sich auf den Ellbogen, die Nase war wieder fest verschlossen, die Mundhöhle klebrig, und er drehte sich herum und sah nach dem Fenster; das blendete, ah, kam doch die Sonne? Aufspringend, lief er zum Fenster und sah nach oben. Ja, eine silberne, weißliche Quelle bewegte sich da oben im Grau, Gewölk wurde sichtbar, die Bäume regten sich, nun fiel ein blasser, gelber Streifen. Ach, wie sah auf einmal alles anders aus! — Ich bin so gräßlich nervös geworden, dachte Georg, so wie die Sonne wechselt, fühle ich mich froh oder trübe. —

Er ging nun wieder ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch, nieste heftig, schneuzte sich, — die Sonne war wieder fort. Man könnte es als ein Opfer ansehn, dachte er schwer. Renate, — das war noch eine Versüßung; und — es war zuviel, ein Doppeltes an Gewinst, — es soll aber das eine sein, das reine Ziel. Ach, wie schön, wie schön hätte es werden können! Beuglenburg obendrein — was gab es da nicht alles zu tun! Sigune — —? Wer weiß, was sie heute für ein Wesen ist? Zart, gutherzig würde sie jedenfalls sein, lenksam, willenlos. Freiheit genug würde ihm bleiben. Und Renate — sie konnte ja auch nicht wollen. — Vielleicht sehe ich sie mir einmal an; wenn sie gar zu schlimm ist, bin ich stark genug, auch rücksichtslos zu sein. Möglich auch, — ich sage ihnen dann, wer ich in Wahrheit bin! — Da sah er schon die ganze Szene, Minister, Hofkammerrat, denen er schlichte aber klirrende Worte hinwarf.

Aufstehend setzte er sich auf den Schreibtisch, streckte absichtslos die Hand nach dem Telephon aus, und da er dies getan, nahm er auch den Hörer auf und bat den Hausmeister, ihn mit Benno zu verbinden. Gleich darauf hörte er Bennos Klavier, es brach ab, Schritte kamen, er sagte: „Benno?“ —

„Ja, hier bin ich“, antwortete Bennos Stimme. Georg sprach matt und langsam weiter:

„Ich soll heiraten, Benno, die Beuglenburgsche Prinzessin, ja. Und Großherzog werden, — ja. Na, was meinst du?“

Benno, mit unterdrückter Stimme vor Erregung, sagte: „Ich bin außer mir! Georg! das kannst du nicht! Das ist Gewalt!“

Ach, der gute Benno, dachte Georg und wiegte sich, so ist die Sache denn doch nicht in Fürstenhäusern.

„Ja, lieber Benno, du drückst das ein bißchen stark aus. Wer was erreichen will, muß Opfer bringen. Neigungsheiraten, weißt du, sind an Fürstenhöfen sowieso verpönt. Denke, ich könnte König von Holland werden oder dergleichen, — und die Prinzessin ist vielleicht sehr nett.“

„Ist sie schön?“ fragte Benno.

„Ich weiß nicht, ich glaube nicht; aber sie soll sehr gut sein. Ich kann sie ja denn wenden lassen.“