„Du bist ja gar nicht so zynisch, wie du tust, Georg!“

„Ach, der Teufel“, schrie Georg, „soll da nicht zynisch werden! Na, danke schön, Benno, ich wollte bloß mal hören ... Also du rätst ab?“

Benno stammelte etwas, Georg lachte, er sollts schon gut sein lassen, und legte den Hörer hin. Die Nase juckte ihm wüst, er bearbeitete sie mit dem Taschentuch, indem er spöttisch dachte: Alles ist immer so einfach für die Unwissenden. Ich glaube, ich werde doch mal hinfahren. Ach, wenn man bloß nicht so allein wäre! Wer hilft einem denn? Aber nein, nein, nein, gut so, dies muß ich allein ausführen. Ich will schon fertig werden!

Er dehnte sich, und jetzt schwoll ihm die Brust vor unbestimmtem Verlangen nach Thronen und Fürstendasein. Er sah sich in stiller Arbeit, stiller, freundschaftlicher Gemeinschaft mit einem stillen weiblichen Wesen, das ihn liebte, das er gern sah und das er beschützte. Es könnte doch recht — schön — werden —, sagte er sich leise. Ach, man fühlt doch wieder, daß man lebt! Ziele sind da, Wege, Kreuzungen, Widerstände! — Er faßte nach seinem schmerzenden Rücken, dachte: Vorläufig werde ich wohl Influenza kriegen, und wünschte sich zu Virgo. Er ging auf den Flur, klingelte nach Egon, ließ sich den Mantel anziehn und verließ das Haus.

Flut und Ebbe

Renate trat aus der Kapelle, schloß die Tür, zog den grünen Schal fester um die Schultern und blickte eine Weile in den kahlen Garten. Es dunkelte schon; hinter den schwärzlichen Maschen des Buschwerks und der Bäume lag das Haus, stumm und lichtlos, grau, kalt. Frierend lief sie durch den Garten, die Stufen zur Veranda empor und schlüpfte in die angelehnte Tür. Während sie zuriegelte, wurde hinter ihr die Tür zum Flur geöffnet; dann kam vornübergebeugt, auf einen Stock gestützt, ein großer Mann herein, den sie im Halbdunkel nicht erkennen konnte. Drei Schritte kam er vor, die Füße absonderlich hochhebend, die Augen im großen, rasierten Gesicht fest auf sie gerichtet, lachte leicht auf, und — „Herzog!“ rief Renate und schlug die Hände zusammen. Er richtete sich auf und hob den Stock hoch.

„Was sagen Sie nu?“ rief er stolz.

„Ist es die Möglichkeit!“ sagte Renate und ging eilig auf ihn zu. Er nahm ihre Hand in seine Linke, sie merkte, daß sie selber es war, die ihre Hand fast gegen seinen Mund drückte.

„Es ist zwar“, sagte er, sie küssend, „unschicklich in Norddeutschland, einer unverheirateten Frau die Hand zu küssen, aber das macht nichts.“

„Sie gehen! Sie können gehen! Nein, wie mich das freut!“ Renate legte die Hände wieder zusammen und meinte, sie könnte schon ihre Freude recht deutlich werden lassen. „Und so verschönt, so verschönt! Welche Ehre mir da widerfährt!“