Sie ging zu einem der Sessel in der Nähe des Kamins und zeigte ihm einen andern. Nicht unbeholfen ging er draufzu und setzte sich. Zwischen Beiden kniete das Hausmädchen und machte Feuer unter den Holzscheiten. „Recht so,“ sagte der Herzog, „mich friert ausdermaßen. Setzen Sie sich schnell zu mir, ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann geht mein Zug, ich muß nach Beuglenburg, es giebt die größten Umwälzungen, unterwegs hat mein Chauffeur mich umgeworfen, vielmehr gegen einen Baum gefahren, weil der Bauer nicht so wollte wie er, da bin ich mit dem Zuge gekommen.“

Das Mädchen ging, Renate setzte sich. Er reichte ihr noch einmal die Hand. Sie mußte sich Mühe geben, sein ihr bekanntes Gesicht wiederzufinden. Die Oberlippe war sehr schmal, der Mund schien größer und kräftiger, das Kinn war erstaunlich groß und stämmig. — Sehr ernst sagte er:

„Ich wollte Ihnen vor allem danken. Wenn mir etwas geholfen hat, waren es Ihre Briefe. Sie sind ein guter Kamerad, ich will dafür sorgen, daß Sie’s bleiben. Ja, da habe ich gehen gelernt. So wie’s gewesen ist, wirds ja nicht wieder werden, nicht einmal so, wie es hätte werden können, wenn ich gleich damals angefangen hätte, sagt der Arzt, aber —“ er setzte sich fest, „man muß zufrieden sein. Nun sagen Sie — wie geht es Ihnen denn? Ich fürchte, Sie sahen besser aus im Sommer.“

Renate lächelte nur und war froh. „Wollen Sie mir nun nicht erzählen, was das für Umwälzungen sind?“

Der Herzog sah auf die Uhr. „Bloß noch sechzehn Minuten,“ sagte er, „vielleicht könnt ich doch einen andern Wagen mieten, ich bin im allgemeinen kein Verschwender.“

„Ja, so nehmen Sie doch meinen!“ rief Renate und sprang auf.

„Augenblicklich!“ sagte der Herzog, „wenn Sie mit mir kommen. Sie können in zwei guten Stunden zurück sein!“

Renate, schon an der Tür, klingelte, versicherte, sie komme gerne mit, trug dem Mädchen auf, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, und setzte sich wieder. Die Scheite im Kamin glommen langsam und widerwillig auf. Renate kreuzte behaglich die Arme und sah den Herzog erwartend an.

„Also,“ sagte er, „mein Sohn will Großherzog werden. Es ist eine hundsföttische Angelegenheit, mit Erlaubnis! Vor drei Tagen ist der Beuglenburger Erbprinz gestorben. Er hatte Tuberkeln, seit Jahren schon wurde sein Ende erwartet, ja, vor drei Jahren gaben sie ihn schon auf, aber er erholte sich wieder. Sein Vater ist — also — nur noch eine Masse. Erbschaftsberechtigt sind: erstens ich hier, mein Sohn und ein schon bejahrter Graf Beuglenburg-Lipsch, der gerne möchte. Ich falle aus, für mich ist das nichts. Mein Sohn — ja, was meinen Sie eigentlich? Sie kennen ihn doch ...“

Renate sagte: „Ich schrieb Ihnen ja ... Kenne ich Georg? Ich mag ihn gern, er ist klug, sehr fein und bescheiden. Freilich, was heißt das ...!“