„Nun, lassen Sie mich erst weiter erklären“, unterbrach er. „Außer dem verstorbenen Sohn ist da noch eine Tochter Sigune, neunzehnjährig, eine gute Seele, glaub ich, sehr fromm vermutlich, die Beuglenburgs sind katholisch, die Kleine war und ist — was ich leider nicht wußte — ganz in den Händen ihres Erziehers, der Hofkammerrat am Hof ist und nicht nur sie, sondern den ganzen Hof beherrscht. Jesuitisch erzogen übrigens. Die Entwicklung wäre daher die, daß die Beiden heiraten, mein Sohn und die Sigune. Und das scheint mir bedenklich. Georg hat Spätlingsnerven, hat gar kein Talent zur Brutalität, denkt von außen nach innen und ist noch sehr jung. Der Gedanke, daß er erbt, hat ja nun für mich alles Bestrickende. Trassenberg war bis über Achtzehnhundert hinaus selbständig, kam dann zu Beuglenburg. Aber Trassenberg gehört mir. Solange der alte Großherzog regierte, hatte ich keinerlei Schwierigkeiten. Alle Beamtenstellen in Trassenberg besetzte ich. Kommt der Beuglenburger Graf zur Regierung, so habe ich die Jesuiten im Land, und es giebt den ungeheuerlichsten Schlamassel; in jeder Beziehung. Das brauche ich nicht zu erklären. Ich könnte freilich selber regieren, ich bin der nächste, aber — ich will einmal nicht. Doktor Birnbaum ist zwar dagegen, stabiliert nach wie vor sein heiligstes Menschenrecht, nämlich das, jeden Augenblick seine Meinung ändern zu können, aber — ich habe mich an diese Meinung zu sehr gewöhnt, bin auch zu alt zu Neuerungen.“ Er lachte kurz und griff nach einem imaginären Bart.
Indem trat der Chauffeur ein und meldete, der Wagen sei bereit. Der Herzog stand auf. „Fahren wir nur,“ sagte er, „ich bin so schon ungeduldig genug.“
Eine Weile später saß Renate unterm schwarzen Pelz in der Wagenecke, der Herzog in der andern, der rechten, die er sich ausbedungen hatte, da er auf dem rechten Ohre taub sei. Wie Bogner! fiel es Renate ein, wo war Bogner? Oh dies war auch ein Mensch, dieser nicht regierende Herzog! Das Automobil bog gleich in den Wald ein, die Lampe unter der Decke glühte auf, das Gesicht des Herzogs erschien rötlich; eng und warm war der Raum um sie, die Scheiben beschlugen schnell.
Der Herzog war plötzlich verstummt. Renate mochte ihn nicht stören, da er sicherlich viel im Kopfe hatte, auch genügte ihr vollkommen die Wohltat der Fahrt und das Dasein des fremden, immerhin doch — kaum bekannten Menschen. Sie glaubte, in sich versunken, wohl eine Viertelstunde bereits im Fahren zu sein, als sie ihn sprechen hörte, ohne daß er sie ansah.
„Sehen Sie,“ sagte er, „man tut doch immer zu wenig. Oder man ist immer nach einer Seite hin geblendet, und aus den wunderlichsten Ursachen. Jahrelang, jahrzehntelang lag diese Sache nun vor mir, ward sie geplant, beleuchtet — und — den Gedanken an diese Heirat habe ich ebensowenig mit kalkuliert, wie ich einen starken Einfluß des Hofkammerrats, an dieser Stelle, ahnte. Es ist bei Gott, als ob er sich versteckt hätte. Denn nun hat der Gedanke: Georg und Sigune, die verteufeltste Ähnlichkeit mit dem Kolumbusei: solange ungedacht — ists eben nichts — und sobald gedacht das einzig Naheliegende und Natürliche ...“
Nun wars wieder still, lange Minuten, bis auf das Rauschen der Fahrt.
„Ich habe das eben so obenhin gesagt,“ fing der Herzog wieder an, „das mit dem Altsein, aber ich meinte es nicht. Nein, ich bin nicht alt.“ Er beugte sich mit einem Ruck vor, faßte seinen Stock und schlug damit auf seine Stiefelspitzen unter der Decke. „Absichtlich habe ich diese Kraftanstrengung gemacht mit dem Gehenlernen. Ich — ich glaube, es war die Ungeduld von zwei Jahrzehnten, die auf einmal losbrach, und da habe ich denn nachzuholen versucht, was meine Frau in denselben zwanzig Jahren in ihrem Käfig hat abwandern müssen. Nun denke ich mir alles sehr schön. Mein Sohn und ich waren immer gute Kameraden, Birnbaum ist auch da und liebt Georg wie der ihn, es könnte ein Triumvirat, es könnte sehr, sehr gut werden.“
Er schien Renate noch erregter, als sie nach seinen Worten allein erkennen konnte. Sie sagte, es sei sicher viel Gutes in Georg, er beobachte vielleicht ein wenig zuviel sich selbst, aber — „Nun ja,“ murmelte der Herzog, „in diesen Jahren, da ist sich ja jeder ein Labyrinth und sieht an jeder Straßenecke den Minotaurus das Bein hochheben. Ja, entschuldigen Sie nur, ich denke immer noch, ich rede mit Birnbaum wie in all den Jahren. Nun, sehen Sie, so ist Georg. Ich sagte Ihnen, glaub ich, schon einmal, daß ich ihm unbegrenzten Kredit gab. Sie wissen, was das ist.“ Renate schüttelte den Kopf. „Nun, das schadet nichts, es heißt jedenfalls so viel, daß er Geld verbrauchen konnte, soviel er wollte. Es war ein Risiko von mir, eine Probe, bankerott machen konnte er mich ja nicht, und so dachte ich: versuchs lieber auf die Weise, als daß er dich hintergeht, Schulden macht und den Namen versaut. Schulden kann ich auf den Tod nicht leiden. Was tut Georg? Braucht — im Verhältnis — überhaupt nichts. Nun würde das an sich nichts heißen, wenn er ein — also von Natur ein Asket wäre, ein Einsiedler, ein zarter, scheuer Mensch, dem das Bunte der Welt nichts bedeutet. Er aber ging ganz frisch in die Welt hinein, machte Dummheiten, ruinierte ums Haar seine Gesundheit. Aber — —! Was hätte er nicht — —? er hätte einen Rennstall halten können, drei Rennställe, unermeßlich pokern, Mätressen, Automobile, Paläste, Jachten, was weiß ich, halten können. Nichts davon. Was er am Grunde seines Lebens sucht, ist ihm wahrscheinlich so geheim wie mir selber, und wenn er heute Großherzog sein will, so will er vielleicht morgen Dichter sein — nun, es giebt schlimmere Schwankungen. Einmal, das will ich gestehn, war ich mißtrauisch. Ich hatte ihm eines Tages eine — ja, eine schwierige Eröffnung zu machen; er hatte sich zu entschließen. Ich schickte ihn ins Freie, saß und wartete auf ihn. Es ward dunkel; da kam er. Ich dachte: Er braucht sich nicht entschlossen haben, es eilt nicht, aber, dacht ich: Was wird sein erstes Wort sein? Man hat seine abergläubischen Momente, und ich lag selber im Graben. Soll ich Licht machen? fragte er. Ich weiß nicht, das schien mir nicht sehr vielversprechend. Er hätte Licht machen sollen — nun — aber — ich bin wieder davon abgekommen. — Und nun möcht ich rauchen“, bat er, seine Zigarrentasche schon in der Hand. Renate nickte, freute sich, die große Zigarre von Helenenruh wieder zu erkennen, und atmete nicht unbehaglich den zarten Geruch der ersten Wolke. Man muß ihn reden lassen, dachte sie weich.
Der Herzog saß weit vorgebeugt, wischte zuweilen mit der Hand an der Scheibe und sah hinaus, während er sprach. Jetzt blickte er wieder eine lange Zeit schweigsam hinaus, setzte sich dann zurück, drückte den Rücken fest, sah Renate kräftig forschend an, dann wurden seine Züge weicher, er sagte:
„Gute Freundin! Ich habe nie Gelegenheit gehabt im Leben, unaufrichtig gegen einen Menschen zu sein, diesen und jenen Halsabschneider ausgenommen, gegen einen nahen Menschen also, deshalb möchte ich es auch gegen Sie nicht sein. Da ich Sie also einmal mit dieser Angelegenheit behelligt habe — und es tut mir aufrichtig wohl, daß ichs durfte —, so sollen Sie auch den Rest wissen. Georg ist nicht mein Sohn. Er ist — aber das ist gleich, das würde viel zu weit führen, und es genügt ja, wenn Sie die Tatsache wissen. Nun — was sagen Sie dazu?“