Renate wollte heftig erschrocken abwehren: Nein, nein, lassen Sie mich nichts dazu sagen! besann sich aber rechtzeitig mit der Erinnerung an sein Vertrauen, schlug die Augen gegen ihn auf und sah ihn dasitzen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die Oberlippe zwischen den Zähnen, unter der geneigten Stirn aufblickend, nun doch zweiflerisch vor ihrer Antwort. Sie machte ihren Blick herzlich, murmelte für sich: Einen Menschen sollst du messen ... und sagte leise:

„Von meinem Freund schrieb ich Ihnen hier und da, Saint-Georges, den ich immer zu fragen pflege, wenn ich etwas nicht weiß. Der schenkte mir einmal den Spruch: Einen Menschen sollst du messen — Wenn du in seiner Haut gesessen. — Und“, fuhr sie, die Hände faltend und mit wärmerem Lächeln in seine Augen blickend, fort: „Wenn Sie geglaubt haben, daß trotz dieser Tatsache er als Ihr Sohn gelten solle, dann habe ich kein Recht, anders zu urteilen.“

„Danke schön“, sagte er und nickte. „Ich muß noch hinzufügen,“ erklärte er dann, „daß erst vor zwei Jahren auch mir dies mitgeteilt wurde, ja, übrigens spielte der Vater unsrer Magda dabei eine verfluchte Rolle, na, der ist nun auch tot. Und dies war die Eröffnung, von der ich eben sprach, die ich ihm zu machen hatte. Mein Sohn und ich — wir haben also alles beim alten gelassen. Sie haben nicht in meiner Haut gesessen, nein, und ich nicht in der seinen, denn schließlich ist er hier ja derjenige, auf den es allein ankommt, aber — ich glaube doch: wir haben alle drei recht.“

Renate sann hin und her, aber das Ganze war ihr allzu fremd, als daß sie sich in solcher Schnelle, wenn überhaupt je, hätte hineinfinden können ...

„Und nun“, hörte sie den Herzog sagen, „können Sie sich immerhin denken, wie dies Geschehnis auf mich wirken mußte. Nicht wahr: Ich hatte ihn verloren, als Sohn, — Sohn meiner Helene; ich behielt ihn aber, ich hatte also — gesetzt, dies sei möglich — noch einmal so väterlich um ihn zu sorgen, als ob er mein echter Sohn sei. Ob möglich oder nicht: dies war mein Gefühl, dies hatte es zu sein.

„Und nun diese Heirat,“ fuhr der Herzog nach einer Pause fort, „wie? was ist?“ unterbrach er sich. Renate, die bemerkt hatte, daß der Wagen, wie bereits mehrere Male, ganz langsam fuhr, reinigte die beschlagene Fensterscheibe mit dem Handschuh und blickte hinaus. Schwarze Nacht wars; der Wagen stand still. Sie ließ das Fenster ein Stück weit nieder, eiskalt drang die Luft ein. Sich hinausneigend sah sie vorn den mächtigen Schattenriß des wulstigen Rades, drohend überwölbt vom Schutzblech, die metallene Halbkugel der Wagenlampe dicht darüber, aus der ein Strahlenkegel weit in die Nacht fiel, schwarz den sargartigen Kühler und blinkende Tropfen an der Glasscheibe vor dem Fahrer. Kalkweiß stand ein gesträubter Chausseebaum im Licht. Gleich darauf tauchte ein zottiger Hund neben einer Weibsgestalt auf, ein Handwagen dahinter; sie hörte den Chauffeur etwas fragen, der Handwagen zog weiter, ein großer Kerl, hinterdrein stolpernd, wandte sich halb im Gehen, schwang die Arme und rief etwas in unverständlichem Plattdeutsch; der Wagen ruckte an, der Motor rauschte, sie rollten.

„Noch zehn Minuten höchstens,“ sagte der Herzog, „aber nun müssen Sie das Ganze hören. Sie haben sich wahrscheinlich bereits gefragt, wie Georg zu der ganzen Sache steht. Ich wills Ihnen sagen. Es fängt mit meinem Urgroßvater an. Der war sehr sonderbar; Astrolog; nicht Astronom, sondern Astrolog. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde Trassenberg mediatisiert, aber mein Urgroßvater schloß mit Beuglenburg einen Geheimvertrag, nach dem Trassenberg zwar an Beuglenburg kam, jedoch nur auf hundert Jahre, kündbar. Warum dies, ist unbekannt. Er hatte die merkwürdigsten mystischen Neigungen! In seinem Nachlaß fand sich unter vielen andern Seltsamkeiten, Horoskopen, Prophezeiungen eine Vorhersagung: Im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts würden beide Häuser, Trassenberg und Beuglenburg, oder Zinna, auf zwei Augen stehn; von diesen Augen würde es abhängen, ob die Stimmen beider Gewalt im Rate der deutschen Völker erlangen oder für immer verstummen würden, — die Weissagung besteht aus lateinischen Distichen, astrologische Wendungen, die Gestirne, Venus, Jupiter spielen eine unverständliche Rolle darin. Weissagung und Vertrag haben beide sich in unserm Geschlecht vererbt, und zwar wars üblich, daß diese Erbschaft am Tage der Mündigkeitserklärung vom Erstgeborenen angetreten wurde. Nun konnte es sich nur noch um Georg handeln, aber jetzt lag die Sache folgendermaßen ...

„Der Zinnasche Erbprinz, Bruder eines Totgeborenen und einer schwächlichen Schwester, selber nur mit Mühe und aller Kunst von Geburt an am Leben gehalten, war für mich allezeit — nicht dasjenige Augenpaar, auf dem die Schicksale der beiden Länder ruhen sollten — das heißt: ich füge meine Ausdrucksweise nach der Prophezeiung, die für mich keinen bedenklichen Wert hat noch hatte. Nun: im Sommer werden es drei Jahre sein, Georg zog zur Universität, trat ins Leben, ich hielt es für an der Zeit, ihn wissen zu lassen, was ihn in Zukunft erwartete, um so mehr — bei seinem Hange zur Dichterei und dergleichen schönen, aber wenig weltlichen Dingen. Nun griff eins ins andre. Nämlich: ihn spekulieren zu machen auf den Tod eines noch Lebenden, das widerstrebte mir. Ich hatte aber den Vertrag, der heutzutage — das vergaß ich zu erwähnen — ich will zwar nicht sagen: keine, aber doch keine nennenswerte Gültigkeit — an sich — hat, wenn der Andre nicht will. Wollt ich ihn durchsetzen, so handelte es sich schließlich nur um die Geneigtheit des Bundesrats, und da von den drei Stimmen, die Beuglenburg und Trassenberg gemeinsam drin haben, zwei schon immer in meiner Hand waren, so — nun, Sie verstehn. Also war zu kalkulieren: ist der Erbprinz einmal tot, soll dann weiter geerbt werden im Mannesstamm, so kommt zuerst Georg in Frage, und der Vertrag liegt da als Fundament, als Stütze, wie man will. Also ... wo blieb ich stehn? — So — ich benutzte also Georgs politische Unkenntnisse (sie hielten länger vor, als ich damals ahnte) und sprach ihm damals schon, drei Jahre früher als üblich, von dem Vertrage und seinen Möglichkeiten in bezug auf ihn. Er war daher, bis vor zehn Tagen etwa, war er in dem Glauben, in der Zuversicht: Herzog von Trassenberg werden zu können. Nun vor allem: das Ganze wäre ums Haar schon vor zwei Jahren zum Klappen gekommen, da der arme Junge Adolf Emil sich bereits zum Sterben anschickte, aber wieder — ich argwöhne sehr — gegen seinen Willen daran verhindert wurde, für mich ein Beweis, wie richtig ich gegen Georg verfahren war. Hopla!“ sagte der Herzog, denn der Wagen war aufs Pflaster gerollt und schüttelte erbärmlich. Durch das trübe Glas der Wagenfenster fiel gelbes Licht herein zu dem rötlichen Inneren, Laternen, Schaufenster, Menschenschatten, ein Wagen zogen vorüber. Gleich darauf stand der Wagen still.

„Ja, nun muß ich doch abbrechen,“ bedauerte der Herzog, „oder bringen Sie mich noch bis oben, eine kleine Viertelstunde“, sagte er verlockend.

Renate nickte, der Herzog ergriff das Sprachrohr und befahl dem Chauffeur sich nach dem Schloß hinauf weiter zu fragen. Bald darauf rollte der Wagen weiter, durch Straßen, Pflaster und Asphalt, hin und her, währenddem sie schwiegen, Renate gespannt, als läse sie Balzac. Kaum rollte der Wagen wieder sanfter dahin, begann auch der Herzog: