„Also weiter. Zu Neujahr gab ich Georg den Vertrag; zwei Tage vorher nämlich schreibt mein Agent, aus Zinna: der Erbprinz liegt im Sterben, diesmal ists sicher! (War aber wieder gelogen, er hat noch zehn Wochen gelebt, es war ein Jammer!) Georg geht hin und klagt den Vertrag ein, und — nun kam die Enttäuschung für uns Beide: bekam eine schlichte, ja schnöde Abweisung. Nun, was weiter —
„Er schreibt mir, er steht vor einem Rätsel ... Ich tu’s selber, ich schreibe nach Zinna, es giebt ein unverständliches Hin und Her, endlich kommts denn zu Tage: Georg heiratet Sigune.
„Ich fahre selber nach Beuglenburg. Der Großherzog, wie ich immer wußte, ist eine Null, vor der dieser oder jener seiner Umgebung, am häufigsten sein Hofkammerrat, ein halber oder ganzer Jesuit, zusammenleg- und entfaltbar, jede beliebige Ziffer von zehn bis neunzig formiert. Mit ihm selber ist nichts anzufangen, seine Umgebung schwört: er reagiert nur auf Fremde nicht, beinah hätten sie gesagt: in ihren Händen sei er Wachs, denn das ist er. Ihrer Aussage nach also besteht er auf seinem Willen, das Erlöschen seines Namens um jeden Preis zu verhindern. Na, nun giebt es ja allerlei Möglichkeiten. Der alte Beuglenburger Lipsch kann päpstlichen Konsens erhalten, um wieder zu heiraten. Immerhin — dies ist des Hofkammerrats Vorzugswort — immerhin scheint er — der Hofkammerrat — für seine Sigune — er hat sie erzogen, und da sie aufs äußerste an ihm hängt, muß er wohl auch seine guten Seiten haben; wem fehlen die schließlich nicht? — er scheint also dem jüngeren Georg doch den Vorzug vor dem alten Lipsch zu geben, sagt sich vielleicht auch, daß aus Alter und Krankheit kein brauchbarer Nachwuchs zu hoffen ist und das Erlöschen Zinnas bloß aufgeschoben, nicht -gehoben. Schließlich sind auch Erbschaftsgesetze nichts Unabänderliches, das heißt: die Sigune kann irgendeinen andern von fünfzig gut katholischen Prinzen heiraten, dessen Sohn erbschaftsberechtigt wird. Wir müssen gleich da sein, der Wagen steigt schon mächtig, merken Sie die Serpentinen? Sehen Sie, da liegt das alte Nest!“
Hinausblickend sah Renate das rötliche, qualmende Lichtertal der Stadt unter sich, ein altes Stadttor, den schwarzen, rötlichen Fluß, dahinter Nacht und den braunen Himmel.
„Ich bin ja auch nun am Ende“, sagte der Herzog. „Georg hat man inzwischen Mitteilung von seiner Heirat gemacht, hinter meinem Rücken, die Schurken! Bei alledem ist das Unglück, daß der Großherzog darauf besteht, noch morgen, am liebsten schon heute abzudanken, also seine Tochter so stracks wie möglich zu verheiraten, wobei ich ahnungslos bin, wiederum, ob das sein Wille oder der seines Hofkammerrats ist. Georg schreibt mir einen verzweifelten Brief nach dem andern: Was denn das heiße, er begriffe nicht — er hüte sich natürlich vor jeder Kritik — aber er begriffe nicht, was ich mir je gedacht hätte, er könnte doch das kranke Mädchen nicht heiraten und so weiter.“
„Und was schrieben Sie?“ fragte Renate, da er schwieg. Er sah sie mit ein wenig verqueren Augen an und zuckte die Achseln. Er hätte geschrieben, Georg dürfe schon vertrauen, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, es sei jetzt keine Zeit zu Erklärungen, die er jeden Augenblick später erhalten könne, er selber stehe ihm sofort zur Aussprache, zur Beratung zur Verfügung, vielleicht jedoch ziehe er es vor, allein seinen Weg zu finden. „Glauben Sie nicht, daß er alt genug ist, um zu wissen, wie er zu handeln hat? Ich selber, schrieb ich ihm noch, würde eigenhändig einen Versuch machen ... Und dabei bin ich ja nun. Ich will —“
Er unterbrach sich; der Wagen rollte über eine Brücke, durch ein Tor, machte eine Schwenkung und stand still.
„Zinna,“ murmelte der Herzog verdutzt, „aber nun will ich ausreden.“
Renate sah durch die klaren Fingerstreifen im Belag des Fensters neben dem Herzog ein erleuchtetes Tor über Stufen, Schatten und bunte Stücke von Hin- und Hereilenden.
„Ich will“, sagte der Herzog, „doch meine Meinung ändern; ich bin der nächste Erbe und —“