Und nun das — mit Georg! — Man kann es nicht einmal nennen, wie soll ichs begreifen? Georg? Wer war denn Georg? — Georg saß mit Esther oben in Josefs Fenster, oder mit Esther im Garten bei der Sonnenuhr. Wenn er kein Prinz ist, so sieht er doch einem solchen zum Verwechseln ähnlich. Nun wundert michs doch, daß — eigentlich er mich auch nie beachtet hat. Aber das war wohl Scheu wegen Magdas. Zwischen ihm und Esther — was war da gewesen? — Sie hörte Sigurds Stimme, wütend im Schmerz, aber sie fand die Worte nicht mehr.

Bogner und der Herzog, welch ein Gegensatz! Wars wirklich einer? Schien ihr die Kalt— ja, die Kaltherzigkeit des Herzogs nicht nur deshalb so viel heftiger als Bogners stillere Kräftigkeit, weil eben Bogner keine Kraftäußerung kannte als gegen sich selbst und in seinem Werk? Der Herzog war das Hantieren mit Menschen gewohnt, das war sein Leben und sein Werk.

Renate schloß die Augen und schauerte seltsam angenehm zusammen. Indem fielen zwei starke peitschenartige Knalle schnell hintereinander, sie fuhr empor, horchte erschreckt, gleich darauf rollte der Wagen langsamer, auch anders, wie ihr schien, und stand still. Ach, ein Reifen war geplatzt oder gar zwei! Nun kam schon der Schatten Reinholds von vorn am Fenster vorüber, sie öffnete es, fröstelte im Luftzug und sah, daß die Straße weiß war; es hatte geschneit. Reinhold kam zurück: die beiden Hinterreifen wären geplatzt. — Renate öffnete die Tür und stieg aus. Reinhold bemerkte in seiner Berliner Mundart: „Das ha ’k mir jleich jedacht, wo der Wagen so lange in der Garage gestanden hat.“ Er ging in seinem großen Pelz unwirsch um den Wagen, stellte den gehorsam stampfenden Motor ab, klappte einen Kasten auf, nahm Werkzeuge heraus, öffnete einen andern Kasten unterm Sitz und wühlte darin. Die beiden grellen Lichtkegel aus den Laternen fielen weithin über die weiße Chaussee und breiteten sich über die nächtigen Felder aus; grellweiß angeschienen standen die Chausseebäume wie gesträubte Zuschauer da, andre weiterhin, schattenhafter. Weiß wehte Renate der Atem vom Munde, sie trat in den dünnen Schuhen langsam hin und her, fühlte die hartgefrorenen Rillen des Schlammbodens unter der Schneedecke, fror und wollte wieder in ihren Wagen kriechen. „Wie lange dauert es denn?“ fragte sie.

Der Chauffeur, die Riemen an einem der festgeschnallten Räder mit aufmontierten Reifen lockernd, murrte kaum verständlich und mit der Abgeneigtheit seines Menschenschlags gegen Zeitangaben, es könnte auch ’ne Stunde dauern, — bei die Kälte! —

„Armer Reinhold!“ sagte Renate und war unglücklich, so lange im Wagen still sitzen zu müssen. Wo sie denn eigentlich wären, fragte sie. Da wo die Herzbruchsche Villa stände, da müßten sie dicht bei sein. Renate zuckte. Sie ging zum Chausseerand und suchte in der Nacht. Richtig, links über den Feldern war ein roter Punkt in der Nacht. — „Wenn man wüßte, wie weit es ist ...“ sagte sie zögernd. Nun stellte Reinhold sich neben sie und meinte, nach dem Licht spähend, es könnte keine zehn Minuten sein. — Und der Weg? — Die Chaussee hinunter, dann müßte gleich nach ein paar Minuten eine kleinere Chaussee links abbiegen, an der läge das Haus; die große Chaussee mache einen Bogen weit rechts und treffe nachher die schmale wieder. Ob Renate sich nicht erinnere, damals bei der Hinfahrt zum Herzbruchschen Hause, daß sie auf eine kleine Chaussee rechts abgebogen seien „da, wo wir doch den Herrn Almanach getroffen haben.“ Renate zögerte kaum noch.

Irene erwartete sie ja längst. Wie lange hatten sie sich nicht gesehn? Lieber Gott, war das schon seit — Mai — oder Juni? Ja, im Mai war ich einmal draußen, und noch zweimal im Juni. Dann ging ich nach Helenenruh, und eh ich wieder hier war, kam ‚die große Verjüngung‘ über sie, Masern und Scharlach hintereinander, — wie ein Kind so dünn und weiß wie eine Kellerpflanze sollte sie ja wieder zum Vorschein gekommen sein, — Renate seufzte noch einmal, sagte Reinhold etwas Ermutigendes, bat ihn, wenn er fertig wäre, zur Herzbruchschen Villa zu fahren, und machte sich auf den Weg, nun schon ganz in freudiger Neugier, wie Irene aus Italien zurückgekehrt sein mochte ... Auch die Fahrt mit dem Herzog war in ihrer Erinnerung jetzt eitel Freude, die ihren Gang beschwingte. — Auf die Uhr blickend, fand sie, daß es eben halb acht Uhr gewesen war, und sie ging am Rande der Chaussee unter den Bäumen fort, dankbar für die Wohltat der Stille in der Frostnacht nach dem langen Getose des Motors und dem Hinschnarren der Gummiräder über den harten Boden.

Stehen bleibend dort, wo die Lichtkegel der Laternen zerstäubten, vergrub sie die Unterarme tief in die Muffe, behaglich, denn sie fror nicht, nur an der Kopfhaut merkte sie, da sie keinen Hut trug, ein wenig Kälte. Die Chausseebäume, bleiche Stauden, wurden im Finstern kenntlich und neben ihnen in der Grabenböschung die weißen Steine. Eilfüßig lief sie den Weg hinunter, aber die kleine Chaussee ließ auf sich warten, dafür machte aber die große einen immer stärkeren Bogen nach rechts. Sieh, aber da waren ja Sterne in der Nacht, unendlich fern, winzige, weißliche Punkte, und kaum daß sie diese gesehn, zogen mehr, rechts oben von den ersten, ihr Auge an, das an neuen Sternen nun die unsichtbare Wölbung emporglitt und den großen Wagen erkannte; undeutlich, matt blinzelnd, war jeder Stern nur sichtbar, wenn sie ihn einzeln ins Auge faßte, aber er war es doch! Sie sah sich um im Gehn und gewahrte fern die Laternenkegel, strahlend mitten im Felde der Nacht, dahinter den ungetümen Schattenriß des schwarzen Wagens, ganz ein glotzendes Tier. Sie ging weiter und hatte sich bald so ans Gehen und unbestimmte vor sich hin Sinnen gewöhnt, daß sie plötzlich die Nebenchaussee merkte, die sie halb überlaufen hatte. Abbiegend und aufsehend, sah sie auch schon deutlich zur Linken ein erleuchtetes Fensterviereck, wenn auch klein, aber da kam plötzlich der Schatten eines Menschen von rechts aus der Nacht auf die Landstraße zu, und leicht erschreckt eilte sie weiter, während der Mann näher kam; wenige Schritte hinter ihr mußte er die Straße betreten haben, dann hörte sie ihn ihr nachgehn, ging eiliger, ihr Herz klopfte heftig, die Schritte hörten nicht auf, jetzt kamen sie vielmehr näher, sie blieb Atem holend stehen, der Fremde auch.

Sie sah ihn an; seine Züge waren nicht zu unterscheiden, er hatte eine dunkle, englische Mütze auf dem Kopf und trug einen dunklen Havelock. Schon wandte sie sich entsetzt, um zu fliehn, als der Fremde — nun erkannte sie auch den glimmenden Blick seiner Augen — die Mütze abnahm und mit anständiger, leiser Stimme sagte, er bäte um Entschuldigung, er habe sie verwechselt. Sie atmete ein wenig auf und sagte rasch und munter, es befände sich wohl selten um diese Zeit eine Dame in dieser Gegend, noch dazu ohne Hut. Sein Gesicht veränderte sich nicht, während er erwiderte: sie möchte nochmals entschuldigen, zumal er wohl richtig vermute, daß sie zu dem Landhaus — dort — wolle. Sie bejahte, bereits im Weitergehn, er ging schweigend mit, ein wenig voraus. Das Fenster ward langsam größer, sie erkannte die Umrisse des Hauses, des Daches und des Hügels. Der Fremde machte eine Bewegung zurück und fragte leise: „Zu wem gehn Sie denn? zu Herzbruchs oder —?“

„Zu Herzbruchs.“

„So“, sagte er und war wieder voraus. Drei Schritte weiter wandte er sich abermal und fragte, wieder ganz leise: „Aber — Sie kennen — vermutlich auch die — andre Dame?“