Er machte eine abwehrende Handbewegung und schlug die Decke von den Füßen zurück. „Sie stören mich ja, mein Kind, anstatt mir zu helfen.“

Renate sah auf die Uhr im Armband: „Nachdem ich Ihnen anderthalb Stunden zugehört habe, ohne das geringste Widerwort.“

Der Herzog lachte und murmelte, um so gefährlicher sei sie, habe nun alles angesammelt, destilliert und spritze das feinste Gift. Übrigens könne sie ja nicht wissen, was für ihn auf dem Spiel stehe. Er tastete mit der Rechten nach dem Türgriff, drehte ihn, drehte ihn zurück und sagte kurz lachend: „Nun denken Sie, ich will ausreißen.“

„Es ist wirklich Zeit“, warnte sie lächelnd.

„Gut,“ sagte er und bot ihr die Hand, „ich werde die Nacht zum Überlegen verwenden.“ Er küßte ihre Hand. „Haben Sie Dank, vielen Dank! Ich bin morgen wieder in Trassenberg. Wenn Ihnen etwas Gutes einfällt, unterlassen Sie nicht, mirs zu schreiben. Gute Heimfahrt! Auf Wiedersehn! Leben Sie wohl! Adieu!“

Er hatte sich nach außen gezwängt, stand, von rückwärts beleuchtet und nahm den Hut ab; stämmig und wacker stand er da, Haar und Oberkopf schimmerten im Licht, die Züge waren von Renate nicht zu erkennen, da sie gegen das Licht sah, auch wurde die Tür nun geschlossen, der Motor brauste auf, der Wagen drehte langsam, rollte über den Hof, durch die Einfahrt und über die Brücke in die Nacht zurück.

Renate setzte sich tiefer in den Polstern, lehnte sich an, hüllte die Decke fester um sich und zog sie gegen die Brust; sie nahm die große Muffe, die sie neben sich gelegt hatte, wieder und senkte die Arme bis an die Ellenbogen hinein; es schien ihr kälter im Wagen geworden. Sie lächelte. Da hatte sie ihn nun ratlos gemacht, das tat ihm gut. Wieder lächelnd, empfand sie, daß dies Lächeln schon lange in ihrem Gesicht feststand. Sie glaubte, den Abdruck zu spüren, dieser Mensch mußte es mitgebracht und festgeschraubt haben, sie konnte es nicht loswerden, da war es schon wieder, sie fuhr mit der Hand über Augen, Nase und Mund, aber es kam unverwischbar drunter wie neu hervor, oder lächelte sie diesmal nur, weil sie es hatte fortwischen wollen? Da habe ich die ganze Zeit über gelächelt, dachte sie nun unwillig, und es ging um die ernstesten Dinge. — Wie, schon wieder die Stadt? Vom Schütteln der Fahrt in ihren Gedanken unterbrochen, sah sie durchs Fenster in die erleuchteten oder dämmrigen und finsteren Straßen voller Menschen und elektrischer Bahnen, solange bis die Chaussee wieder erreicht war. Unterweil war sie nachdenklich geworden, beugte sich vor, stützte das Kinn auf die Fingerknöchel und blickte durch die graue Scheibe in die Finsternis.

Das war ja ein Wassersturz von klirrenden, schillernden und fremden Dingen gewesen. Sie versuchte, sich zu besinnen. Immer sah sie ein kaltes, bleiches, augenloses Gesicht unter einem Jesuitenhut, wie unsinnig! Sigune — Schionatulanders Geliebte, ein schöner, trauriger Name. Kränklich war sie, blond, mit einer harten Stirn, und dieser Jesuit war ihr Lehrer und einziger Freund. Der kranke Bruder — und dieser Vater ... Plötzlich erschien der Herzog wie ein Riese dazwischen und fegte alles über Seite. Renate lächelte wieder, verfinsterte aber dann ihr Gesicht und sagte: Bogner — so hätte er einmal kommen sollen! Aber damals — wie würde ich mich vielleicht gewehrt haben! Heut mittag noch war mein Dasein ein blauer Teich mit kümmerlichen Wasserrosen; da warf sich dieser unbekümmerte Schratt hinein, bloß um drin zu plätschern.

Im kalten Wagen empfand sie sich auf einmal heiß. Diesen Gedanken, sagte sie, an der Lippe nagend, hätte ich noch vor Jahren den Zutritt nicht erlaubt. Bloß um zu plätschern? Aber es giebt mehr Teiche. Aber er fackelt nicht und greift zu, wenn es ihm paßt, erwiderte jemand aus der Wagenecke. Sie sah flüchtig dorthin, wo der Herzog gesessen hatte. Auf einmal kann er wieder gehn, es ist wie im Märchen, freilich, es war bald ein Jahr her, daß die Herzogin starb und er ... Wieder kam die tote Herzogin zur Türe herein, lebend, bewegte sich leicht zum Tisch, lächelte und neigte den Kopf, indem sie sich setzte. Seltsam, welch belanglose Erscheinungen am sichersten in uns haften bleiben! Ihr Gesicht, so entstellt, als ihr die Augen brachen, war nicht mehr zu sehn. Hatte er sie schon ganz vergessen? Sie hörte ihn seufzen: Helene — ja, nun fehlt sie uns! Uns ... Freilich: er mußte seines Weges weiter.

Fünfundzwanzig Jahr ist er älter als ich, dachte Renate und herrschte sich an: Genug jetzt! ein für allemal!