Und nach einer Weile, während die Sextolen ruhig weiter perlten:
„Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern der großen und kleinen Autoren. Es ist wie auf Triften dort klar und erkoren, wie Springen der Lämmer, wie Singen von fern, wie des Hirten Schalmei, nicht im Dämmer der Unzahl verloren. Es löst sich ein Schicksal wie Duft aus den Poren der Blumen, du atmest und riechst es dabei, und da glüht es und scheint dir, und Lippe, die redet, und Lippe, die weint, ist dir alles vertraut und benennbar und gar nicht unsäglich, auch jenes, das dumpf und ergraut, — denn es waltet nur eines zur Zeit, und das Leid und das Licht, und die Nacht des Geweines, der Tag voll Verzicht und die Treue des Steines, sie wechseln und ruhn, sie verwechseln sich nicht, und hat jedes sein Wort und Gesicht und besonderes Tun, und du siehst es sich klären. — — Du aber gehst mit gebundenen Händen und kannst dich nicht wehren, du wanderst und stehst, und bist niemals allein, und hast keine Erfahrung. Wie Farben im Staube der Wasser sich bilden, ohne Gewicht, ohne Odem und irdische Nahrung, so siehst du die wilden, die niemals erkannten, verwandten Geschicke sich wölben am Weg, und wanderst vorüber mit gänzlich verzaubertem Blicke, dir selber in Farben und Lichtern wie seltsame Städte mit vielen Gebäuden und Angesichtern unkenntlich erscheinend; und nichts ist bestimmt, und wo etwas beginnt erst, da scheint dir ein Ende, und wo es verschwimmt, scheint dir alles versteint, und lautere Rufe und bunteres Leuchten verschlingen dein Eigentum, — dunkel die Stufe, so dunkel das Zimmer und dunkel dein Auge ins Dunkel hinein, und nur von deinem Blut der rote Schimmer, wenn die Stunde kam, die eine, deine Stunde, — und du bist allein.“
Es tropfte heiß auf Renates Hand. Sie bat Jason mit einem Blick, ihre Augen loszulassen, und gleich senkte er die Lider über die seinen. Seltsam groß und schön, aber wie in weiter Ferne, schwebte der mattleuchtende violette Umhang der Lampe über dem Eßtisch; davor stand Irene unter ihrem Tuch, Renate den Rücken wendend. Mein Gott, sie weinte ja, — was war denn zu weinen? Leise klappte der Klavierdeckel, Jason stand auf, ging zu Irene, legte die rechte Hand auf ihre Schulter, und hielt seine Hand gegen das Licht, so daß Renate ihren Schattenriß sah, und sagte:
„Siehst du wohl, da drinnen sitzt die ganze Musik, Bach, Berlioz und alles. Manchmal, wenn ich so in der Dämmerung sitze, kann ich die kleinen Notenfunken herausspritzen sehn, und wenn ich sie bloß auf einer Tischplatte die Griffe machen lasse, höre ich die herrlichste Musik. Kein Mensch weiß, wieviel zu hören wäre, wenn es nur einmal ordentlich still sein dürfte. Aber ihr habt euch ja nun einmal das Lärmen angewöhnt. Wie ist es, Renate,“ fragte er, sich umwendend, „ich kann Reinhold wohl sagen, daß er noch etwas warten soll?“ sprachs, nickte winkend und ging hinaus.
Vor Renates Augen senkten sich Schleier um Schleier; immer ferner schwebte das sanfte Licht, das nun Jasons Stimme seltsam verschwistert war. Auch Irene war nicht mehr da, es war nichts mehr, die Zeit war hinausgegangen, nur noch die Stille webte im Raum, fast konnte sie die Fäden sausen und Maschen fallen hören, und langsam schwebte der schattiggrüne delphische Lenker herab; starr, wie die Kannelüren einer Säule flossen die Falten seines Rockes zu Boden, er hielt die Zügel ganz leicht, matt glänzte das Gold seiner Stirnbinde, ruhig blickte das Auge gradaus, der volle, wie zum Pfeifen gespitzte Mund blieb stumm, und unsichtbar in den Zügelriemen bäumten sich die Geschicke.
Es war wieder heller; eine Stimme, Irenes Stimme sagte von drüben, vom Kamin her, — ihr Tuch schimmerte dort:
„Dieser Mensch geht nun ein und aus bei dir und mir und trägt das Jenseits in der Hand wie einen kleinen Vogel. Kannst du denn noch wissen, wenn du ihn recht ansiehst, was Gut und Böse ist? Ist er denn gestorben? Und nimmt er an uns und allem nur Anteil, weil er noch mit unsrer Gestalt bekleidet ist und nicht ganz zur Ruhe kommen kann?
„Ich glaube, er hat, noch eh wir ihn kannten, so viel menschlichen Jammer mitgelitten, daß er sich hat dran gewöhnen müssen, und das Schrecklichste ist ihm nun das Einfache; wie gutartig und leicht müssen da wir ihm —“
Sie brach ab. Tief und deutlich fragte Herzbruchs Stimme durch den Vorhang aus dem Nebenzimmer: „Bitte, wie spät ists?“
Irene antwortete nach einer Weile: „Dreiviertel zehn“, und im Augenblick danach schlug die schwere Pranke der Standuhrglocke in Herzbruchs Zimmer dreimal summend auf. Als sei nun alles wieder in Bewegung — so schien es Renate —, fiel neben ihr Irenens weiß und gelber Angorakater von der Fensterlehne auf das Sofa, duckte sich, kroch dann auf ihren Schoß. Lazarus hieß er, weil er so gern in Schößen saß. Da trat auch Jason wieder ein. Renate hatte das Gefühl, gehen zu müssen, aber nun hatte Jason ja gerade dem Chauffeur aufgetragen, zu warten. Einige Minuten lang sprach niemand ein Wort im Zimmer; nebenan wurde ein Stuhlrücken hörbar, Herzbruchs Schritte machten den Boden leise beben, er setzte sich wieder. Jason sagte: