Renate stand auf; sie hatte genug. Auch Doras Gesicht schien ihr jetzt verfallen und welk. Sie ginge mit ihr hinunter, sagte sie zu Renate; zu Irene dann: „Laß uns schlafen gehn, Kind, der Tag war voll genug. Laß uns schlafen und geduldig sein.“
Sie umarmten sich, gingen zum Vorhang, winkten hinein und riefen: „Gute Nacht, ihr Männer!“ Irene küßte Renate flüchtig, die mit Dora zur Tür ging, aber sie waren noch nicht hinaus, als Renate Irene fast ängstlich rufen hörte: „Dora! — — Dora! was wird aus uns werden?“
Dora wandte sich nach ihr um. Mit tieferer Stimme sagte sie ruhig: „Was fragst du mich? Ich will standhalten. Das andre findet sich. Sei nicht töricht, Irene! Und mach dir keine Sorge um mich. Ich habe meine Kinder. Solange ich die habe —“
Sie verstummte, strich hastig mit der Hand übers Gesicht, lächelte Renate fremd zu und führte sie hinaus.
Auf den Treppen und dem Weg zum Automobil sprach weder Renate noch Dora ein Wort, — aber als sie öffnete, saß bereits Jason darin, pfiffig im Dunkeln. Sie fuhren, ohne Licht gemacht zu haben. Bald überfiel Renate von neuem die Unrast, sie kam nicht schnell genug vorwärts und in ihr Zimmer, und sie preßte unter der Pelzdecke die Finger ineinander, bis sie Jasons Hand fühlte, die er auf die ihren legte, die sich nun leichter zusammenschlossen. Und es dauerte keine Minute, so ward sie ruhig und ruhiger, ihr war, als ob ihr ganzes Wesen schmelze ins Allgemeine und Sanfte, und da zogen langsam von links nach rechts die Gesichter des Tages vorüber, das des Herzogs, Doras, Ägidis, Irenes und ihres Mannes, und das von Klemens, und nicht nur diese, sondern auch die nicht gesehenen Georgs, der fremden Sigune und ihres Lehrers, zwar diese kaum sichtbar, aber sie wußte, daß sie es waren, und das Schwinden eines jeden fügte eine neue Erleichterung zu der alten. Wie leicht rollte der Wagen durch die Nacht! Sie freute sich auf ihr Zimmer, dachte, daß von allen verworrenen und unkenntlichen Schicksalen keines zu ihm Zutritt habe als das ihre, ja vielleicht nicht einmal das, und überdem fielen Jasons Worte ihr wieder tropfend ins Herz: Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern ... Sie suchte den Weitergang, aber die rechten Worte fand sie nicht, glaubte jedoch nun erst zu verstehn, was sie erst nur als Musik und Wohltat empfunden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist wirklich das viele und frühe Lesen schuld an so mancher Wirrnis, mancher Ungeduld, und wieder hörte sie’s tönen: Das Leben ist nicht ...
„Wie hieß es doch,“ fragte sie leise nach dem unsichtbaren Jason hinüber: „Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften, denn dort ... Ich verstehe es nicht mehr ...“
„Dort,“ hörte sie seine Stimme gedämpft, „dort scheint es dir, als sähest und hörtest du alles zum ersten Mal, was geschieht, was sie sagen, dieser und diese, jener und jene, was sie denken, was sie tun und erleben. Dir aber ist alles angefüllt mit der Erinnerung, weißt du es nicht? Überall tönts dir entgegen: Erinnerung ... Erinnre dich nur! erinnre, erinnre dich! Und: Erinnerung! denkst du versunken und siehst von allem nichts, wie es ist, sondern immer in allem nur das, woran es dich erinnert ...“
„Und dies auch,“ sagte sie fragend, „daß dort immer Gestalt um Gestalt so sichtlich und klar sich erhebt; und so kenntlich und gesondert in Farbe und Erscheinung bildet sich aus Schicksal und Anteil ein leichtes Geflecht, — ist es nicht so, Jason?“
„Und eines hat soviel Gewicht wie ein andres,“ vollendete er, „alles ist abgewogen und schwer befunden. Wenn aber ein Mensch erscheint, und nur einer ist vor ihm da, so glaubst du schon viel zu wissen, und was auch sich ergiebt und ereignet, es scheint, als hättest du es geahnt.“
„Am Ende aber,“ begann Renate von neuem, „am Ende löst sich alles doch irgendwie, ob im Guten oder im Bösen; wie ein längst erwarteter Gast so einfach kommt der häufige Tod, und wenn es denn aus ist, so ist auch immer alles gänzlich und ein für allemal zu Ende.“