„Sehen Sie, da hat der Delphier nun jahrelang in seinem Winkel gestanden, kein Mensch weiß wozu, und nun kommen endlich Sie und benutzen ihn, um Ihre schöne Seele zu offenbaren. Sehen Sie nicht auch, Dora, daß es kein Wagenlenker, sondern ein Redner ist? Wenn Naumann den Rock anhätte —“
„Gut, Herr Adreßbuch,“ sagte Klemens, „Sie haben es vortrefflich ausgedrückt.“
Jason schien darauf gekränkt und meinte, er drücke alles vortrefflich aus, und ob das vielleicht jemand für ein Vergnügen halte, worauf er sich abwandte.
Irene stand steif wie aus Gips mit ihrem Teller. Eben noch versunken in Jasons ‚schöne Seele‘, dachte Renate, und nun ist sie zur Spinne geworden. — Da sah Klemens das Glas, ging hin, ergriff, tranks aus, setzte es wieder auf den Teller und bedankte sich.
Renate war froh, daß Herzbruch ihn nun mit sich in sein Arbeitszimmer zog; sie saß auf dem Sofa, ungeduldig fortzukommen. Klemens gefiel ihr, aber wie laut war es auf einmal geworden! All die hellen und dunklen Stimmen, Irenes, Herzbruchs, Doras, Klemens’, dröhnten durcheinander; sie sehnte sich wieder nach dem Schweigen ihres Zimmers, ja fast nach dem Schweigen des ganzen Hauses. Da flog auf einmal Irenes Teller neben ihr aufs Sofa, sie gewahrte nachträglich die schlenkernde Handbewegung, mit der Irene, jetzt mitten im Zimmer stehend, den Teller geworfen hatte. Jetzt raffte sie mit zwei flügelhaften Bewegungen der Ellbogen ihr Tuch, das über den Rücken herabgesunken war, wieder um die Schultern, warf den Kopf nach hinten gegen das Nebenzimmer zurück und sagte nachdrücklich: „Pfui Deubel!“
Dora trat neben sie und mahnte: „Na, na, Kind!“
„Mich friert“, sagte Irene tief und hart. „Ich glaube, vor dem fürcht ich mich. Man kann seine Augen nicht sehn. Hat er Augen, Dora? Renate! Dann müssen sie durchsichtig sein, und nichts ist dahinter.“
„Richtig! Sehr gut!“ lobte Jason. „Er hat Seefahreraugen. Auf allen Seiten das Meer.“
„Und sein Mund,“ fuhr Dora fort, „daß du’s weißt, ist wie der des Delphiers.“
„Auch das noch“, murrte Irene. „Wenn er auch sein Kinn hätte, wär mir der Delphier ganz verekelt.“