„Ungerechtigkeit leiden sie“, sagte Klemens. „Knechtschaft, das ists, was sie leiden. Sie leiden, daß sie verbraucht werden in den guten Jahren, so daß sie darben müssen im Alter. Sie leiden, weil zehn Menschen in der Welt je tausend Äcker haben, und ihrer zehntausend haben zusammen einen. Sie leiden nicht, weil jener sich Gemälde kauft und dieser jeden Tag eine Frau, weil jener die Zigarre mit drei Mark bezahlt und dieser im Sommer nach Japan reist, sondern sie leiden, sie leiden unauslöschlichen Gram, weil sie keine Zeit haben, um Gemälde zu sehn und um an einem Sommertag im Grase zu liegen, denn weiter wollen sie nichts. Sie wollen und sollen nicht zehn Stunden am Tage arbeiten, auch nicht neun oder sieben, sondern allerhöchstens sechs, und ich sage, daß es dazu kommen wird, wenn nicht heute, dann morgen.“
Renate hatte, da er schwieg, Zeit über seine Worte nachzudenken und sagte nach einer Weile: „Mein Vetter, Erasmus, den Sie kennen, und Ihr Freund Herzbruch und Bogner, Ihr Schulkamerad, wie lange glauben Sie arbeiten die am Tage?“
Klemens lachte, kam bis dicht zu ihr, schüttelte den Kopf und sagte: „Der Geist, Verehrungswürdige, hörten Sie nie vom Geist? Nie, daß er es eben ist, der frei ist allein, und daß ich eben sagte: sie leiden Knechtschaft, sie wollen freien Geistes sein? Und übrigens: wenn ein Fabrikant sich durch seine geistige Arbeit zugrunde richtet, so ist das seine Schuld und geht niemanden etwas an. Sonst hat geistige Arbeit mit der schwersten körperlichen das Erhaltende gemein. Der Arm des Pflügers, des Holzfällers, das Auge des Bergsteigers, der Fuß des Matrosen sind mit siebenzig Jahren noch so scharf und sicher und kräftig wie mit zwanzig, und das Hirn des Forschers, des Erfinders ist es nicht minder. Was zermürbt, ist nicht die Anstrengung; was zermürbt, ist allein die Maschine. Das ist mein Gesetz: Wer eine Maschine bedient, soll dies sechs Stunden im Tag tun und nicht länger, soll es vierzig Jahre seines Lebens tun und nicht länger! Nur der Geist ist frei, und sobald ein Dichter nicht mehr das Recht haben soll, freiwillig zu verhungern oder wahnsinnig zu werden, und sie Gewerkschaften gründen zum Schutz ihres Geistes, sobald kann denn das Ganze zum Teufel gehn. Sie sagen vielleicht, ein Dichter, ein Weiser muß deshalb hungern, weil er zu früh geboren wurde, weil die Welt noch nicht reif sei für seine Werke, seine Erfindungen, seine Lehren. Ach, wie sähe es denn aus in der Welt, wenn jeder käme zur rechten Zeit, wenn alles grade sich einpaßte, wo ein Loch wäre, auch der Pfropfen, wo ein Geber, auch der Nehmer, das wäre so langweilig erstens wie Schwarzer Peter spielen, und zweitens möchte man dann ja wohl anfangen zu verlangen, daß auch Sonnenschein und Regen gleichzeitig auf den Acker fallen, und doch würde das dem Acker gar nichts nützen, sondern es ist wohlweise eingerichtet, daß der Nil nur einmal im Jahre steigt — wenn auch auf Kosten von einem Jahr unter zehnen, wo er gar nicht steigt, und einem, wo er zu hoch geht. Glauben Sie, daß ich die Welt verändern will? Glauben Sie es, Saint-Georges?“ Sie lachten Beide, und Klemens lachte mit. Er war aber sehr erregt und fing gleich wieder an, hin und her gehend im Raum:
„Übrigens — Ihnen kann ichs sagen — bin ich nicht in dem Ausmaß international, wie Sie denken, bin ein Deutscher am Ende und sehe, daß die Not hierzulande nicht im entferntesten die Ausmessungen hat wie in andern, in England, in Frankreich. Und was heißt denn Not? Es giebt doch nur Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Arbeitsscheu ist eine Krankheit, oder Anormalität, was Sie wollen, wie Trunksucht. Ausbeutung und Arbeitsmangel bleiben bestehn. Arbeitsscheu und Trunksucht gehören mit Mördern und dergleichen in die Heilhäuser und Arbeitsanstalten; niemand gehört ins Zuchthaus noch aufs Schafott. All das wird nicht heute geändert, aber es wird geändert werden, dafür bürge ich. Tun Sie mir die Liebe und denken einen Augenblick nach. Wann fing das Unheil an? Im Mittelalter gab es keine Armen; es gab Sieche, alte Weiber, Krüppel und Soldaten, in denen sich die gesetzmäßig geregelte Arbeitsscheu verkörperte. Wer arbeiten wollte, hatte immer zu essen. Das Unheil begann mit der Übervölkerung und mit der Maschine. Wie alt ist die Maschine? Knapp hundert Jahr. Nun sehen Sie bloß mal an, seit einem halben Hundert Jahren fing man an, diese Not zu erkennen und zu studieren, seitdem sich alles mit reißender Zeit doch nur verbösert hat, und dabei können wir fröhlich und getrost sein, wenn in tausend Jahren das Blatt sich gewendet hat, dann, wenn man auch im Rächer seiner Ehre, im Totschläger, im Wüstling so wenig mehr einen Verbrecher sieht wie heute im Geschlechtskranken, der Frau und Generationen vergiftet, und im Säufer, der dasselbe tut. Ein Glied faßt ins andre, und keines von den kranken läßt sich für sich allein heilen, sie müssen alle schon im einen ihre Gesundung beginnen.“
Er hörte auf und stand wieder bei seinem Ofen still. Renate, hocherfreut, ihn reden zu hören, fragte, ihn weiter zu stoßen, was er aber damit habe sagen wollen, daß er ein Deutscher sei.
„Ganz einfach,“ sagte Klemens, „ganz einfach!“
„In Frankreich, sehen Sie, wenn ich da eine Rede halten will, muß ich anfangen: La gloire! — In Deutschland, wie muß ich da anfangen? Ich muß mit der Faust aufs Pult haun.“ Er lachte: „Ha, ha, ha!“ und freute sich königlich. „Was ich dann sage, ist schon gleich, ich muß erst mit der Faust aufs Pult haun. Deshalb nun,“ sagte er verschmitzt, „deshalb wäre es nun doch ein Fehler, anzunehmen, daß in Frankreich der Geist herrsche und in Deutschland nicht. Sondern das Gegenteil ist der Fall. In keinem Lande der Welt ist noch der schäbigste Bierfahrer so durchdrungen vom Geist wie in diesem sonderbaren Land. Er hat die fremdartigsten Formen. Er geht in Potsdamer Grenadierstiefeln sehr häufig, übertrieben häufig. Aber er waltet, unsichtbar, jedoch er waltet. Vielleicht nicht die Kultur, aber der Geist ist tiefer hierzuland als anderswo. Deshalb, sehen Sie, beschränke ich mich auf dies Land. Wer schaffen will, kann seine Kreise nicht eng genug ziehen. Mißtrauen Sie meiner Behauptung? Soll ich Ihnen den Geist der Gewerkschaften nennen, noch einmal nennen? Die Internationale, das ist ihr Geist. Der Geist der Geistlosen. Der Geist der Geistigarmen. Und dies ist ihr ganzer, strahlender Reichtum; die Internationale ist ihr Reichtum. Ausgeschlossen vom Nabob, von den Betten der Reichen, träumt jeder sich weich im Arme einer Heerschar von Brüdern, sich reich im Bewußtsein seiner ungeheuren Kraft, im Gefühle, im Glauben, in der Erwartung der Stunde, wo der Riesenarm aus hunderttausend Armen zum Schlage ausholt. Die Internationale ist die große Romantische, die Cherubsarmee, der selbsteigene Trost, die dauernde Zuflucht, das große Asyl aller Obdachlosen, strahlend und gewaltig wie das Junifirmament über eine nackte Erde gewölbt.“
Eine Weile blieb es still im Raum; Klemens stand, die Hand gegen den Ofen gestützt, den Kopf gesenkt. „Ja,“ sagte er aufschreckend, „ich muß nun aber fort, es wird höchste Zeit, ich muß noch zu meiner Schwester, heut abend geht mein Zug.“
Renate wollte eben verwundert fragen, ob er sie denn wirklich nur, um sich zu verabschieden, besucht habe, als Irene in Pelzjacke und Barett in der Tür erschien, während Klemens durch die Kapelle zum Podium kam, wo sie sich vom Stuhl erhoben hatte.
Irene verwurzelte sich im Eingang mit einem solchen Blick auf Klemens, daß Renate den Ausruf ihres Namens unterschlug. Klemens schüttelte ihr kräftig die Hand, indem er umherdeutend sagte: „Sonderbare Reden, die wir hier gehalten haben.“