Wieder ins Zimmer kommend, hörte sie Jason eben sagen: „Seelische Fallsucht ist ein vortrefflicher Ausdruck!“ worauf er sich zu Renate umdrehte, mitten im Zimmer, schmal und kleiner als sonst neben Klemens scheinend, den Kopf ein wenig schräg haltend, und erfreut zu Renate erklärte:
„Herr Klemens sagt, er hätte die seelische Fallsucht. Jahrelang ginge es ihm sehr gut, und dann, auf einmal, wäre die Fallsucht wieder da; es geht ihm also genau wie mir. Ich habe ja mehr die Zitatenfallsucht, aber sie ist ja nun auch im Schwinden, unberufen, und eine Zeitlang hatte ich das Kopfschütteln, aber das ist, glaube ich, auch schon wieder im Schwinden.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, da ist es wieder,“ sagte er enttäuscht, „ich habe es berufen, nun will ich lieber gehn und Irene noch an der Haltestelle treffen. Gute Nacht, Herr Klemens.“ Er reichte ihm die Hand. „Gute Nacht, Renate.“ Er reichte ihr die Hand, lächelte und ging sacht hinaus.
Renate setzte sich schweigsam in einen Sessel, hielt sich grade, rieb die Hände leicht im Schoß und blickte ins niedergebrannte Feuer. Aber beim Anblick des Blasebalges fiel ihr Jasons Bemerkung ein: er unterhalte das Feuer; sie mußte lächeln, sah zu Klemens auf, sah ihn in sich gekehrt im Schatten stehn und sagte: „Ein großer Wirrwarr, wie es scheint! Wollen Sie so gut sein und den Blasebalg etwas in Tätigkeit setzen?“
Klemens fuhr auf. „Blasebalg?“ rief er, „meinen Sie mich oder den da?“ Er lachte, setzte sich, ergriff das Instrument, drehte eins der Holzscheite mit ihm um, setzte ihn dann bedächtig in Tätigkeit. Als das Feuer wieder hell brannte, legte er den Blasebalg fort, setzte sich zurück und sagte:
„Kluge Jungfrau! auch Ihnen wird, nehme ich an, bekannt sein, was gemeinhin nicht viele wissen, ich aber weiß es: Nichts fängt da an, wo es anzufangen scheint. Auch diese armen Tränen, welche Sie sahen, auch die — ich schwöre es! — nicht nur Ihnen imaginär gebliebene Ohrfeige haben ihre Wurzel nicht im heutigen, sondern in Frau Irenens Hochzeitstage. Ich kam nicht zur Trauung, damit fing es an. Ich habe nun eine Abneigung gegen Schwurformeln im allgemeinen, und im besondern, wenn der, welcher sie aufsagt, nicht daran glaubt, und erschien deshalb erst bei der Tafel. Das Ehepaar brach, wie Sie sich erinnern werden, früh auf, so bekam ich Ottos Frau kaum zu sehn, aber was ich bekam zu sehn, das war nicht hoffnungsvoll. Ich dagegen war so hoffnungsvoll, zu glauben, dies werde in zwei Jahren vergessen sein, aber weit gefehlt! Ja, ich dachte es mir ganz schön, ich hatte vor, ein Buch zu schreiben —“
„Ein Buch?“ fragte Renate, aber er winkte großmütig ab:
„O bloß so ein Buch! wie halt a jeder! Und da dachte ich, dies bei mehr Behaglichkeit und Ruhe in Herzbruchs Hause als in so einem möblierten Zimmer tun zu können, denn meine eigne Wohnung hab ich vor ein paar Jahren aufgegeben, und meine Schwester hatte keinen Platz bisher. Natürlich, ich hätte nach der ersten Nacht verschwinden sollen, aber — ja, was ist da zu sagen? Otto bat mich, ich hoffte weiter, ja, Otto, das muß ich sagen, zwang mich gewissermaßen, indem er meine Stiefel versteckte, und als moralischen Grund gab er vor, seine Frau müßte aufgemuntert werden, sie würde zu dick. Alles gut und schön, aber — na, ich blieb doch, und Herzbruch, der hetzte ja denn nach Kräften, er fand es herrlich, wenn wir uns die geschliffenen Partisanen gegen den Kopf rannten, und sagte, sie wäre nicht wiederzuerkennen, und ich wäre ein General-Stabsarzt.“
Renate sprang auf und lief ins Zimmer hinein. „Ach, hören Sie lieber auf,“ bat sie zwischen Lachen und Weinen, „das ist ja nicht auszuhalten! Erst kommen Sie am Nachmittag, und ich freue mich, denke, ich kenne Sie, und wie Irene mir stundenlang etwas vorjammert, bleibe ich bei meiner Auffassung von der Sache, bis es mir denn doch zu ernst wird, und ich denke: was Wahres muß doch dran sein, und dieser Klemens ist kein solcher Cherub, als welcher er sich gehabt.“ „Danke!“ nickte Klemens. „Ach, nichts zu danken, denn nun kommen wieder Sie, und nun sieht die Sache wieder noch ganz anders aus, und nun ist Otto eigentlich derjenige welcher. Was ist denn nun das Richtige?“
Klemens kratzte sich mit schief offnem Munde den Kinnrand im Bart und meinte: er wüßt es nicht, er reiste ja nun ab. Daß der Zweck seines Daseins im Hause Herzbruch vollkommen erreicht sei, das wollte er schwören. Nun ginge er acht Tage auf Reisen, dann würde er bei seiner Schwester wohnen und —
„Ach, papperlapapp,“ unterbrach Renate ihn lachend und ärgerlich, „was ist das mit der Ohrfeige gewesen?“