„Standen Sie vorhin dort am Wasser?“ fragte Georg. „Sehen Sie, es ist wieder jemand dort! Sehn Sie den Schatten?“

Der Andere blickte hin und sagte: „Ich glaube fast, das ist meine Schwester.“ Er schüttelte den Kopf. „So ist sie nun; geht aufs Geratewohl in die Nacht hinein und ist überzeugt, daß sie mich findet. Dafür ist sie ja nun mein Geschöpf.“

Die Gestalt kam langsam am Ufer den Weg herauf, zögerte, kam näher, stand endlich vor ihnen, schmal und dunkel, einen Schal um den Kopf.

„Bist du’s, Sigurd?“ fragte sie. Er stand auf, trat zu ihr und legte einen Arm um ihre Schulter. „Bist du böse, daß ich mitten aus dem Kaddisch weggelaufen bin?“

Georg schiens, als bewegte sie leise den Kopf hin und her, dann hörte er sie fragen — eine huschende, verhaltene Stimme —: „Mit wem sitzt du denn hier, Sigurd?“

Sigurd sagte: „Es ist Prinz Georg, Esther, du weißt, daß er eine Klasse unter mir war.“

Georg, der inzwischen aufgestanden war, reichte ihr die Hand; die ihre, in einem Zwirnhandschuh, fühlte sich hölzern an. Ihr Gesicht im Dunkel war nur ein weißer Fleck mit zwei schwarzen darin, den Augen, die allerdings absonderlich geschlitzt schienen. Sie setzte sich ans andere Ende der Bank, ihr Bruder sich zwischen den Beiden. Nach einer Weile hörte Georg ihn flüstern, dann sie, er schloß die Ohren, verstand auch nichts, aber das Flüstern dauerte an ... Nun schloß er auch die Augen, vernahm das seltsame Geräusch der Lippen in Pausen, dachte an die tote Frau und geriet an Heines Vers: ‚Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch wird man sagen ...‘ Kaddisch hatte Birnbaum gesagt, aber das war wohl dasselbe. ‚Dunkler Hund im dunklen Grabe ...‘ kam das nicht im selben Gedicht vor? Nein, das war ja:

Nicht gedacht soll seiner werden.

Aus dem Mund der armen, alten

Esther Wolf ...