Achtes Kapitel: Juni

Krank

Georg wachte des Morgens auf und dachte: Ach, nun bin ich auch krank! — Stirn und Schläfen schmerzten, er fror; er schluckte, und es tat ihm weh. Auf den Ellenbogen sich aufrichtend, fühlte er sich zerschlagen und müde, blinzelte gegen den Fenstervorhang, die Sonne schien draußen zu sein, aber dies Draußen, der Garten und alles war merkwürdig weit weg und als ob er nicht dazugehörte, sein Gehör schien dumpf und legte etwas Entfremdendes zwischen ihn und die Welt. Ich kann nicht nach Zinna fahren, murmelte er bitter, vielleicht gehts mit ihr heut zu Ende, aber ich kann nicht. Und er dachte, wie glücklich er sein würde, wenn es wirklich zu Ende ... Glücklich, — ja, er ertappte sich, aber es war so, und wider Willen fügte er schon hinzu: Wenn sie nur stürbe! Wenn sie nur stürbe! — Er zog die Decke über die Ohren, glühte und schauderte frostig ineins, wälzte sich herum, lag minutenlang halb dämmernd. Dann rief ein Geräusch ihn zu sich, der Diener mußte eingetreten sein, er drehte sich um und sah einen menschlichen Schatten in der Dämmrung zum Fenster gehn.

„Lassen Sie zu, Egon!“ sagte er, „ich stehe nicht auf, ich bin krank.“

Der Diener kam leise ans Bett, Georg richtete sich auf. Die dunklen Augen, das blasse Gesicht des jungen Burschen sahen ängstlich auf ihn herunter.

„Keine Angst, Egon,“ sagte er lächelnd, „es ist nur ein bißchen Halsentzündung, oder Influenza,“ er räusperte sich, es tat scheußlich weh, „aber ich will einen Doktor haben. Kranksein ist gemein, Egon, ich will sofort wieder gesund werden, wissen Sie einen Doktor?“ Egon wußte keinen. „Ich auch nicht, dann fragen Sie, — rufen Sie bei —“ Er besann sich. Es braucht ja keiner zu wissen, daß ich krank bin, — „also rufen Sie gegen neun bei Dr. Herzbruch an, im Verlag, und wenn er einen Doktor weiß, — der wird ja Telephon haben, — dann rufen Sie auch gleich an und bitten ihn herzukommen. So, gehn Sie aber erst ins Badezimmer und lassen Warmwasser in die Wanne, und wenn ich drin bin, machen Sie hier Durchzug.“

Der Diener ging. Bald darauf zog Georg die Füße unter der Decke hervor, saß einen Augenblick frierend auf dem Bettrand und fühlte sich aus der Welt herausgenommen und in Krankheit gekleidet. Draußen war alles leicht und natürlich, aber sein Wesen entstellt, verfremdet und peinlich. Er schlürfte hinüber, spülte sich Körper und Mund und war froh, im Zimmer wieder unter was Warmes kriechen zu können. Ach, dachte er, so war es damals genau, als ich die Masern kriegte! Mitten im Tag fings an, ich wurde ins Bett geschickt, und wie ich da auf dem Bettrand saß und fror und alles so weit weg war und Altelinda mir die Stiefel auszog und ich so schwer war am ganzen Leib und unbeschreiblich sehnsüchtig, ins Bett zu kommen und den dumpfen Kopf ganz tief ins Kissen zu stecken, — ja all das war genau wie jetzt; eigentlich war es herrlich. Ach, wie geborgen war man in seinem Bett als Kind! „Ist noch was, Egon? Frühstück? Nein, ich mag nichts, aber die Post, nein, keine Post, aber die Zeitung, ja, und dann — rufen Sie auch gleich, oder — wie spät ist es denn? Halb acht? Also rufen Sie in einer Stunde bei Frau Dr. Schley an: ich hätte, — ach, warten Sie damit, bis der Doktor dagewesen ist!“ Egon entfernte sich, Georg rief ihm nach, er sollte die Tür halb offen lassen.

Nun lag er still auf der linken Seite und blinzelte durch die Türöffnung ins Nebenzimmer. Da war ein Stück vom Schreibtisch, mit Aktenstößen, und das Fenster, und die Falten der Vorhänge, und draußen die Sonne und das Sommerliche, ein Stück Teppich unten, und all das so anders als sonst, so ganz für sich und ohne ihn. Er hörte Schritte auf dem Flur, Türen, im Eßzimmer eine Schranktür, deutlich alles und doch ganz dumpf und immer vermischt mit seinem Frostschaudern und Fiebern und dem Herben in der Nase und der Stirnhöhle, und das Ganze wiederum doch nicht unbehaglich. Die Tür ging leise, eine schwere Frauenfigur kam ans Bett und stand still, er öffnete die Augen und lächelte. „Oltsche,“ sagte er, „ich sterbe, mit mir hats nun ein Ende, Sie stehen im Testament.“

Die Hausmeisterin schlug die Hände zusammen und sagte: „Nein, sowas! Und wo unsre Prinzessin auch schon —“ Georgs Husten übertönte das Übrige, die aufgeregte Alte klopfte ihm die Kissen zurecht, er streckte sich aus und bat sie, ihm die Zeitung zu geben. Sie ging und kam wieder mit dumpfen, weichen Schritten, fragte noch, ob er denn gar nichts essen wollte, und war leise hinaus. Georg setzte sich auf und riß die Zeitung auseinander. Es war fast zu dunkel zum Lesen, er hielt die gedruckte Seite zum Licht hin, fand die fettgedruckte Zeile: Das Befinden der Prinzessin Sigune, — die Buchstabenketten fielen auseinander, er raffte sie herzklopfend zusammen und las:

„Im Befinden der Prinzessin ist seit gestern keine Änderung eingetreten. Eine persönliche Anfrage unsrer Redaktion bei Herrn Professor Dr. Bosse bestätigte uns die traurige Gewißheit, daß es sich nicht um die häufigere Art Meningitis, sondern um tuberkulöse Gehirnhautentzündung handelt. Das Bewußtsein ist seit fünf Tagen nicht wiedergekehrt, die Nackensteife ...“ Georg konnte nicht weiterlesen. — Sie muß sterben, sie muß sterben, vielleicht ist sie schon tot, sagte er unaufhörlich, krampfhaft bemüht, dabei nichts zu empfinden und Mitleid hervorkommen zu lassen, und er erzwang das Mitleid durch den Gedanken, daß sie fürchterliche Kopfschmerzen gelitten hatte und nun aus irrem Dunkel ins tiefere hinüberschlafen würde. Er sah sie im Bett liegen, steif, das Gesicht hintenübergebogen, bleich und ohne die Augen schon gar nicht mehr kenntlich für ihn, der sie kaum kannte. — Nun ließ er die Zeitung an die Erde gleiten, wickelte sich bis an die Ohren in die Decke, fühlte die glatte Trockenheit und Hitze seiner Beine und zwang sich, nichts zu denken.