Stand jemand am Bett? Egon sagte, er habe im Herzbruchschen Büro angefragt —. „Ja, wie spät ists denn schon?“ — Es sei gleich zehn Uhr. — Ach, er hatte geschlafen. — Der Arzt heiße Dr. Birnbaum, am Theaterplatz, er würde gegen Mittag kommen. — Birnbaum? Aber Onkel Salm — Sigurd —, sie hatten doch keine Verwandten in der Stadt ... „Haben Sie Herrn Prager Bescheid gesagt?“ Ja, und er ließe fragen, ob er herüberkommen sollte. Ja, Georg ließe bitten. — Egon nahm die Zeitung und trug sie weg.
Benno kam und benahm sich genau wie die Menschen an Krankenbetten, lächelte, tat hoch erstaunt und sagte, was Georg für Geschichten machte; er war fremd und irgendwie kalt und frisch. Georg bat ihn, sich mit Zinna verbinden zu lassen und anzufragen, wie es stünde. Er hörte ihn nebenan sich mit dem Telephon beschäftigen, ohne Worte zu verstehn, durch das ferne Klingen und Summen in seinem Gehör. Dann setzte Benno sich still neben Georgs Bett und schwieg sich teilnahmsvoll aus. Als er gerade etwas zu sagen anfing, schrillte das Telephon laut auf, Benno ging hin, Georg wollte nichts Unverständliches hören und verschloß die Ohren. Wenn sie schon tot ist, — wenn sie schon tot ist ... dachte er. Endlich kam Benno. Es stünde sehr schlimm, sagte er bekümmert, sonst sei nichts zu sagen.
„Ach, Benno,“ fing Georg nach einer Weile an, „wie war es doch schön, wenn man krank war als Junge!“
„Ja,“ sagte Benno begeistert, „wie gut sie gleich Alle waren! Jeder kam herein und machte einen Scherz, mittags kam Vater, legte einem seine große, kalte Hand um die Wange, faßte mit sonderbar harten Fingern nach dem Puls und sagte, es würde schon werden.“
„Hattest du je Masern, Benno?“
„Masern?“ Bennos Stimme überschlug sich, „es war herrlich, ganz herrlich! Man war ganz gesund, bloß im Bett mußte man sitzen, und ich lag mit meiner Schwester in einem Zimmer, die hatte sie natürlich auch, und es war herrlich. Kleine, gebratene Tauben bekamen wir zu essen und alle Tage Apfelmus, so ganz seimig, und eine herrliche Bouillonsuppe, die war aus Sago und ganz goldklar, das war die Krankensuppe, Gott, den Geschmack kann ich jetzt noch spüren und den winzigen Knochensplitter, der drin war.“
„Und die Stille, Benno, weißt du noch? und wie es sang in der Stille, und wie man stundenlang lag und das Muster der Tapete verfolgte, und die alltäglichen Geräusche draußen, die so anders klangen und so weit entfernt, auf der Treppe und nebenan, und man kannte sie doch nicht ...“
„Und dann bekam man die herrlichsten Spiele mitgebracht, oh Georg, Geduldspiele aus ganz blanken Klötzen, unbeschreiblich neu und glänzend, grüne Würfel und rote und — nein, das war ja alles gar nichts gegen die Flechtarbeiten! Hast du nie Flechtarbeiten gemacht? Ich will es dir erklären: Erst kam Glanzpapier, das mußte auf der Rückseite liniiert werden und in schmale Streifen geschnitten, aus denen wurde das Muster geflochten, aber dies Glanzpapier, das vergesse ich nie! Es gab silbernes und goldnes, aber das war nicht das Schönste. Das Schönste war tiefdunkelrot, wie Samt, aber dabei war es so himmlisch glatt und knitternd, obgleich es ganz dick aussah; das Hellgelbe war auch schön, aber eigentlich unangenehm; es gab hellblaues und dunkelblaues, das rosa war so beißend, herrlich war auch das Dunkelgrüne; das war wie ein ganzer Tannenwald ...“ Bennos Stimme verhauchte hingebungsvoll.
„Nein, das hatte ich nicht,“ sagte Georg, „aber ich hatte ein Reißbrett ...“
„Ein Reißbrett?“ jauchzte Benno, „ich hatte auch ein Reißbrett, weißt du noch —“