Da saß Bennos Schattenriß, nah, dunkel und hoch vor der gelblichen Helle des Fenstervorhangs. Georg schob sich tiefer im Bett, steckte die kalt gewordenen Arme unter die Decke, zog sie fröstelnd hoch; sein Kopf schmerzte heftig, er wollte sich einwickeln und eindämmern wie als Kind. — Als er nach einer Weile die Augen öffnete, sah er Benno auf den Zehen an der Tür, ihm fiel ein, seinem Vater Bescheid sagen zu lassen, daß er heute nichts ... „Sei so gut, Benno, und sage in Trassenberg Bescheid. Du kannst dich ja vom Hausmeister verbinden lassen. Dr. Birnbaum sollte heut nicht kommen. Ich könnte heut nichts Geschäftliches besprechen, wenn Unterschriften wären, könnten sie vielleicht mit einem Kurier geschickt werden, und sonst auch was Wichtiges ...“
Nun war alles still. Vom Schreibtisch her tickte die Uhr sachtsam vor sich hin. Gunny, sagte die Uhr, Gunny, Gunny ... Jetzt starb sie vielleicht. Kein Mensch wußte mehr, was in ihr war.
Ein helles Klingen sprang in seinem Ohr auf, er fühlte, daß er geschlafen hatte, dann merkte er, daß nebenan die Korridortür geöffnet und jemand die Stufen herabkam, der aber nicht sichtbar wurde. Dort waren jetzt die Vorhänge geschlossen, eine Wand von Sonnenstäubchen stand golden vor dem Schreibtisch, darin erschien Egon und meldete: „Herr Doktor Birnbaum.“
Georg setzte sich auf, ließ sich Kamm und Bürste geben, ordnete sein Haar und ließ den Doktor hereinbitten. Da fühlte er wieder dies Andre: im Bett zu liegen am hellen Tage und jemand von draußen hereinkommen zu sehn, frisch und lustig und kalt, den Doktor, der ein kleiner zierlicher Mann war mit rundlichem Kopf. Als er vor Georg stand, zeigte er ihm ein rechtes Arztgesicht mit einem kleinen borstigen Schnurrbart, etwas quellenden, gelblichen Augen hinter einem goldenen Kneifer und dünnem, gescheiteltem Haar, an der gebogenen Nase als Jude kenntlich, und wenn er sprach und lachte, wurde sein Gesicht ein wenig eulenhaft. Hin und wieder kniff er nervös die Augen zusammen, freundlich sprechend, ein bißchen witzelnd, er freue sich ja sehr über Georgs Krankheit, nun würde seine Praxis noch mal so groß aufblühn, denn sterben würde er ihm ja wohl nicht. Georg lachte, er hätte nicht die Absicht. „Na, denn wolln wir mal sehn“, sagte der Doktor, Egon mußte den Fenstervorhang öffnen und einen Löffel besorgen. Der Doktor fühlte den Puls, sagte: „Zwischen acht- und neununddreißig“, ließ sich von Georg sagen, wo er Schmerzen habe, dann kam der Löffel, Georg mußte den Mund aufsperren, der Löffelstiel fuhr kalt und bitter schmeckend hinein, Georg krächzte: Oh oder Ah! Der Doktor kratzte mit dem Löffel im Hals, Georg konnte sich wieder hinlegen und zudecken.
Ja, es wäre eine kleine Mandelentzündung, ganz ungefährlich, Diphtheritis sei nicht zu erwarten, der Belag sei leicht zu entfernen, in ein paar Tagen könnte es schon vorbei sein. Ob das Herz in Ordnung sei? — Da Georg verneinte, verlangte der gründliche Doktor, daß er die Jacke auszöge, und klopfte ihn mit größter Sorgfalt ab. Es wäre alles halb so schlimm, meinte er dann, aber er sollte doch lieber nur eine Aspirintablette nehmen, dreimal täglich. Tscha, und einen Strumpf um den Hals, wenigstens nachts und mit Wasserstoffsuperoxyd gurgeln. Da Georg betonte, daß er so schnell wie möglich gesund werden müßte, meinte er, das hinge ganz von ihm ab; Ruhe, wenig essen, leichte Sachen — Sagosuppe mit Wein, sagte Georg — ja, auch Gebratenes — kleine Tauben, dachte Georg — und solange er sich krank fühlte, sei er eben krank, und wenn er sich gesund fühle, sei er wieder gesund. Egon stand all die Zeit daneben, seine dunkle widerspenstige Haarwelle in der Stirn, und sah alles besorgt und genau mit an.
Das war erledigt. Um noch etwas zu sagen, fragte Georg den Doktor, ob er vielleicht mit dem Studenten Sigurd Birnbaum verwandt sei. Der Doktor lachte, daß sein Schnurrbart zitterte, kniff die Augen zusammen und sagte:
„Pirnbaum, Durchlaucht, Pirn, mit hartem P, nein, mit Sigurd bin ich nicht verwandt, aber ich kannte die Beiden schon als kleine Kinder. — Ja, die arme Esther, das war ein böses Ende!“ Ob er von Sigurd noch hörte. — Jetzt seit langem nicht; er sei in Rußland, in Odessa.
Der Doktor schien zum Gehn bereit, sagte dann aber: „Darf ich noch was fragen?“ „Ja, aber bitte!“ „Ach, Sie haben so eine wunderschöne, so eine wunderschöne Miniatüre auf dem Schreibtisch, wenn ich die einmal sehn dürfte?“
Georg winkte Egon. — Aber gerne! ob er sich dafür interessierte? — Der Doktor rückte an seinem Kneifer und lächelte, — Georg dachte: als hätte ich ihn gefragt, ob er was von Diphtheritis versteht. — Egon brachte die Miniatüre von Georgs Mutter. Der Doktor nahm den Kneifer ab, rieb die etwas geschwollenen Lider, brachte die runden Augäpfel ganz dicht an das kleine Bildnis und betrachtete es ungemein sorgfältig.
„Es ist meine Mutter,“ sagte Georg, „als junges Mädchen.“