Das sei wunderschön, ausgezeichnet gemalt, wie man es gar nicht mehr zu sehn bekomme. Er habe eine kleine Sammlung von Miniatüren, so hundertundfünfzig Stück, ja, er sei ein Kenner davon, lachte er.
„Miniatüren“, sagte Georg, „könnte ich auch sammeln, es ist eine wundervolle Art Kunst und wieviel schöner, im Grunde doch wieviel lebensvoller als unsre farblose Photographie trotz des Reizes des Augenblicks. Aber so ein Bild kann ich immer ansehn, es hält den Blick so ruhig aus, und sehen Sie nur die feine, durchsichtige Spitze auf der Brust, und die Locke, wie sie gemalt ist!“
Der Doktor sagte, er habe eine ganz ähnliche aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, deshalb sei ihm diese auch aufgefallen. — Georg hörte ihn noch einiges sagen, jedoch von fern, ohne zu verstehn; sein Traum regte sich in ihm, er fühlte sich wieder weinen mit Cordelia — oder war es Esther gewesen? —, sah die sonderbaren dunklen Zimmer voller Menschen und dann Renate, nein, Dora Vehm, aber auch deren Gesicht war nicht ganz das Doras, sondern fremde Züge waren darin ... Da sah er den Doktor sich vom Stuhl erheben, reichte ihm die Hand, bedankte sich und bat ihn zu erlauben, daß er sich einmal seine Sammlung ansehe, später, jetzt sei ja ...
Ach, ja der Prinzessin gehe es ja so schlecht, aber es sei wohl noch nicht alle Hoffnung verloren ... Georg murmelte irgend etwas, der Arzt ging.
Hatte sie nicht diese Locke gehabt im Traum? Aber wie seltsam sein Herz erregt war von dieser Frau! Ich muß sie geliebt haben im Traum, ich empfinde noch ganz diese Süße ... Die Träume machen aus uns, was sie wollen, murmelte er und verkroch sich frierend.
Egon erschien mit Fragen wegen des Essens. Er sagte ihm Bescheid, trug ihm dann auf, bei Frau Dr. Schley anzurufen, zu sagen, daß er mit einer leichten Mandelentzündung zu Bett liege, und zu fragen, ob sie nicht kommen könnte.
Die Augen fielen ihm wieder zu, aber im Eindämmern störte ihn Egon mit der Meldung, es täte der gnädigen Frau ganz schrecklich leid, aber Herr Doktor käme am Nachmittag aus Berlin, und sie würde nicht vor fünf, halb sechs da sein können. — Ach, das war elend! Schlafen, dachte Georg, schlafen! Seine Schläfen glühten, die Gedanken fingen an, rasend zu arbeiten, er träumte oder phantasierte, er war an hundert Orten, sah Menschen über Menschen, Gesichter, die er nie gesehn, schwebten auf ihn zu, bewegten, verzerrten sich, manchmal nur Gebärden, Begriffe von Gebärden, ein wüstes Wirrsal, aus dem er in ein andres von Versen, Versstücken und Gedichten stürzte, erhitzten Gehirns, stumpf daliegend, aber aus diesem erlöste ihn plötzlich Jason al Manachs freundliche Gestalt. Wie er ihn einmal am Abend im Park getroffen hatte, sah er ihn wieder: er saß, einsamer anzusehn als andre Menschen und doch nicht so verschlossen in sich, nicht so belastet mit Einsamkeit, sondern ganz leicht, auf der Bank auf der kleinen Anhöhe, über die niedre Böschung und die Hecke zu seinen Füßen in die Wiesengegend hinüber schauend, aus denen Abend dunkel und Nebel weißlich aufstiegen. Und auf Georgs gedankenlose Frage, was er tue, hatte er wieder gefragt, ob er Libussa von Grillparzer kenne, und da Georg verneinte, fing er gleich den wundervollen Eingang des Stückes an, — Georg entsann sich wieder:
Ihr Götter! ist es denn wahr und wirklich so?
Daß ich im Walde ging ... am Gießbach ...