„Wenn ich an deine Kindheit denke,“ sagte Georg, „sehe ich immer dein kleines blasses Gesicht mit den übergroßen Augen an eine Fensterscheibe gedrückt, eben dicht über dem Rahmen, und du standest vielleicht auf den Zehen an einer Verandatür, drücktest die kleine Nase platt am Glas und sahst ganz still auf der Terrasse die Spatzen sich um ein paar Krumen zanken.“

„Ja, das mag wohl gewesen sein,“ lächelte sie, „wie schön du das beschreiben kannst! nun seh ich es auch, und es sieht gar nicht so traurig aus.“

„Erzähl mir doch, wie warst du als Kind!“ bat Georg. „Benno Prager und ich haben uns heute morgen vorerzählt, wie es war, wenn wir krank waren als Jungens.“ Da Georg von Flechtpapier und Zinnsoldaten schon seinem Vater erzählt hatte, fuhr er fort: „Er bekam eine Bouillonsuppe, und ich Sagosuppe mit Rotwein: herrlich war das, wenn der rote Wein im grauen Sago zerfloß!“

Sie lächelte und sagte, unaufhörlich mit den Fingern durch sein Stirnhaar streifend:

„Wenn ich krank war, wurde mein Bett in das Zimmer meiner Mutter gestellt, das war ziemlich beängstigend. Sie schlief in einem Saal mit vielen Fenstern und in einem riesigen, uralten Himmelbett mit geschnitzten und so gewundenen Säulen, an denen kleine Tiere liefen, Eidechsen oder Molche, und ganz unten, als Fuß, hockte ein Igel und machte listige Augen. Wenn ich fieberte, liefen die Tiere auf meinem Bette herum, und meine Mutter mußte immer hinter ihnen her sein. Wenn mirs wieder besser ging, setzte sie eine Brille auf, und wir spielten Leben und Tod zusammen mit ganz alten deutschen Karten, so groß wie Postkarten. Dabei hatte sie so putzige Ausdrücke, die mich begeisterten, und ich machte sie kräftig nach. Spielte sie Cœur aus, sagte sie: Cœur du dir an gar nichts! Pikaß war ein Kettenhund, hieß es, und: Trefflich schön singt unser Küster! Wenn aber eine Neun kam, unterließ sie nie, zu murmeln: Neun mal neun sind einundachtzig ... Kannst du dir vorstellen, wie ich so ganz klein im Bett saß mit meinen großen Karten und die alte Frau betrachtete?“

„Ach, erzähl mehr,“ bat Georg, „wie bist du sonst gewesen, was hast du gespielt?“

„Ein Spiel,“ sagte sie nachdenklich, „das weiß ich noch, spielte ich, wenn ich schon im Bett lag. Dann stieg ich wieder heraus, zog mein Hemd aus, faltete es schön zusammen und kniete ganz nackt und klein auf dem Bettvorleger hin. Dann war ich ein ganz armes Kind, das gar nichts mehr hatte, aber nach einer Weile kam eine mitleidige Person, die schenkte mir ein Kleid, das war das Hemd, das durft ich nun wieder anziehn, da war mir schon wärmer, und dann kam meine Mutter in einer goldenen Kutsche vorbeigefahren und nahm mich mit auf ihr Schloß, da durft ich wieder ins Bett steigen und mich ganz warm einmummen, o das war herrlich! Ja, da hatt ich nun ein ganzes Zimmer voll Spielsachen, aber diese selbsterfundenen waren die schönsten. Und einmal weiß ich, da hatte ich mir das Schaukeln verboten. Ich hatte irgend etwas Strafbares getan, keiner wußte es aber, und da bestrafte ich mich selbst und sagte: nun darfst du einen ganzen Tag lang nicht schaukeln. Was das für Qualen waren, kannst du dir gar nicht vorstellen! Alle halbe Stunde ging ich ganz langsam zur Schaukel und faßte sie an, oder ich strich mit der Hand über das Sitzbrett und stand und sah nach dem Balken oben — ja, und dann, als ich am andern Tag wieder schaukeln wollte, da mocht ich nicht mehr. Weißt du, es ging einfach nicht! ich hab nie mehr geschaukelt seitdem.“

Sie schwiegen Beide. Es war dunkler geworden, Georg fühlte sich wieder fiebrischer, die Dinge entfremdeten sich von neuem, Virgos Dasein verschwamm und wurde traumhaft, er warf sich hin und her, fühlte bald ihre Hand auf seiner Stirn, aber alles verwirrte sich, sein Vater war wieder da und auch nicht da, Virgo war fort, Dora Vehm, Benno, Magda und Andre gesellten sich zusammen und führten unvorstellbare Dinge aus, er ermannte sich am Ende, richtete sich im Bett auf und sah wie in weiter Ferne den Schattenriß von Virgos Schultern, Hals und Profil im Dunkel. Von ihrer tief tönenden Stimme hörte er seinen Namen, dann deutlicher: „Georg ist solch ein schöner Name ...“ Ihr Profil verschwand, er sah die dunklen Flecke ihrer Augen, wollte etwas sagen, räusperte sich und schluckte und spürte heftige Schmerzen im Hals. „Du bist so gut, Georg“, flüsterte Virgo.

Er erschrak, lachte rauh und krächzte: „Um Gottes willen!“ was für ein Unsinn, wollte er sagen, mußte aber husten, fühlte, wie sie seine Hand ergriff und an die Wange drückte, und hörte sie sagen: „Du hast ja wieder Fieber!“

„Nun, das kommt so abends“, meinte er, aber sie erregte sich, schalt über sich selbst und über ihn, er habe weder gegurgelt, noch Aspirin genommen, klingelte nach Egon und drückte ihn in die Kissen zurück. Georg schloß die Augen, verlor plötzlich den Zusammenhang mit sich und Allem, fühlte eine Berührung und sah vor sich einen Eßlöffel, dann Virgo, die ihn hielt und seinem Mund näherte; er schluckte den Inhalt hinunter, trank Wasser und setzte sich auf. Nun mußte er auch gurgeln, Egon stand mit einem Waschbecken, Virgo hielt das Glas, und er gurgelte ein paarmal. Er sah eine Platte mit Weißbrotschnitten und einem Ei dastehn, mochte aber nichts essen. Geräusche und Stimmen waren schon unendlich fern und unhaltbar; ihm schien, als sei Virgo jetzt in seinem Schlafzimmer, jedenfalls hörte er sie fragen, wo seine Strümpfe seien, und nach einer Weile aus ferner Tiefe seltsam sagen: Seide! alles Seide! — so daß er lächeln mußte. Einen Augenblick später fühlte er ihre Hände an seinem Hals, fröstelte, als sie den Halskragen öffnete, — und wie kalt waren ihre Fingerspitzen! — sein Kopf schmerzte wüst, etwas Warmes wurde um seinen Hals geschlungen.