Den Menschen Jason bekümmert es, nicht an Deinem diesjährigen Geburtstagsfeste, sich beglückwünschend, erscheinen zu können, also muß er schreiben. Auf der Suche nach einer Gabe erinnerte er sich eines Wunsches von Renate, eine der Geschichten, die er in den Zeiten der Friedliebenden Gesellschaft erzählte — insbesondere eine von ihr nicht gehörte — aufgeschrieben zu bekommen. Dies tut er gerne. Es freute ihn dabei, auch einiges von den Menschenwesen, die sich an der Erzählung gewissermaßen beteiligten — wie Du sehen wirst — mit festhalten zu können: sein Gedächtnis erwies sich noch jugendfrisch und in Anbetracht des guten Zweckes also einmal erfreulich. Einiges ist wohl trotzdem erfunden worden, und es wird dann nicht das Schlechtere sein, sintemal nur in sehr wenig Menschen das nicht zu sein pflegt, was man in ihnen vermutet, auch wenn sie es nicht äußern.
Herzliche Grüße sendet
Jason
Renate, die noch am Frühstückstisch dies gelesen hatte, nahm den Brief zusammen, wollte in ihr Zimmer hinauf, stieg aber versehentlich höher und betrat das Josefs. Dort im Sessel sitzend und die Blätter mit Jasons Geschichte aufschlagend, merkte sie dann freilich gleich, aus welchem Grunde sie hier zu lesen hatte und nirgend anders. Sie las:
Orest und die Eumenide
(eine Legende im Rahmen)
Sie saßen zusammen im Erker des gotischen Fensters, während es Abend wurde, Esther, Magda, der Maler Bogner und Jason, der zuletzt kam. Zuerst war es Esther allein gewesen, die dicht neben der großen, fast bis zur Erde reichenden, grünlichen Glaswand saß, hoch über sich die schöne Wölbung des spitzen Bogens, das kleine, schwarze Chinahaupt, die reine Stirn, die dunkel brennenden Augen unter den runden Brauen über ihre buntfarbene Stickerei gebeugt, in der Faden um Faden unter den hurtigen Schritten der Stiche aufging, während hin und wieder ein Hauch der Sommerabendluft die kleine, lose Haarsträhne über ihrer Stirn aufhob und sanft zauste, hereinwehend aus einem der kleinen Vierecke, die wahllos über die Fläche der Scheibe verteilt, alle offen standen, so daß jedes ein Quadratstück der Landschaft in der Tiefe enthielt, dieses nur Wiesengrün, jenes einen Ausschnitt vom Bahndamm, jenes ein paar Türme der Stadt weit hinten, und dieses die still und geruhig rauchenden Schlote der Zuckerfabrik ganz rechts. Magda, die dann herausgekommen war, hatte sich nach ein paar freundlichen Worten ans Fenster gestellt, groß, schmal und blaß von Antlitz und Haar, hinausblickend durch das Viereck, das sie gerade vor Augen hatte, in dem nur der Abendhimmel war, licht und von jenseit zart golden durchleuchtet, aber sie hatte nun die ganze Abendgegend unter sich, die Weiden, die dunstige Stadt mit Kuppeln und Türmen, das Wehr und den Fluß zur Linken, und dahinter das Blau der Hügelrücken; und so fand sie der Maler. Aber sein immer graues und bartloses Gesicht hatte sich nur eine Minute, während er seine kurze Pfeife stopfte, über Esther und ihre Arbeit geneigt, und er war in seiner sachten Art wieder im schon dämmerigen Hintergrund verschwunden, wo er vor den Bücherregalen saß; daß er nicht hinausgegangen war, merkten sie im Fenster nur an dem süßlichen Geruch des Qualms, der ab und zu vorüber wehte und ins Freie zog. Schließlich erschien dann Jason al Manachs Gestalt, der, in den Sessel Esther gegenüber versinkend, gleich sagte, er wäre im Museum gewesen. Danach machte er eine Pause, aber der Maler schwieg natürlich, Esther hatte gerade ein paar Seidensträhnen von ähnlichem Grün über ein halb gesticktes Blatt gelegt und betrachtete das mit kleinen, prüfenden Grimassen der Brauen und der Zungenspitze und so versuchte die immer Gütige, Magda, ein wenig sich hinüberwendend, ein leises: „Nun, und?“
„Da traf ich den jungen Stupitzka, den Archäologen, und er erklärte mir alles. Die Archäologen sind doch die freundlichsten Menschen“, sagte Jason. Esther blickte ihn schnell an, ein bißchen ungläubig, um nicht zu sagen spöttisch, und was sie meinen mochte, drückte dann Magda aus: es gäbe wohl keine Menschenart, von der er, Jason, nicht, wenn die Rede darauf käme, versicherte, daß sie die freundlichsten seien. „Und nun, — was gab es Besonderes zu sehen?“ —
Jason, zu ihr, die wieder hinausblickte, aufsehend, indem er still für sich die Spuren der langen Krankheit, der Schlaflosigkeit und der Schmerzen auf ihrem in sich vergehenden Gesicht zählte, sagte:
„Etwas Einziges. Den Kopf eines schlafenden Mädchens, das unserer Ulrika ähnlich sah, — wißt ihr, wenn sie anfangen will zu spielen, die Brauen sich heben, steiler scheinen und ein ernster Schatten über ihr zartes Gesicht fällt. — Sie war nun freilich überlebensgroß, graugelb getönter Gips, aber dennoch ...“
Er fuhr fort, eine Abbildung müsse in einer der Mappen auf dem Schrank sein, und gleich ging Magda, bereit, jederzeit einen Auftrag zu hören und ihn auf sich zu beziehn, hinüber und schleppte die Mappen her, legte sie neben Jason auf die Erde, und der hatte bald gefunden.
„Seht ihr, das ist sie!“ sagte er erfreut. (Esther entschloß sich, einen Augenblick aufzuhören mit Sticheln und Fadenabschneiden.) „Sie schläft. Seht ihr hier das Ohr unter den Wellen des Haares, wie einen Eingang in geheimnisvolle Tiefen? Sie schläft, was mag hier eindringen? Es ist recht ernst, dies Profil, — die Brauen ... Wie schön es im Schlaf auf die Seite gesunken ist!“ Er sah zu Magdas und Bogners — der war hinzugetreten — Gesichtern auf, lächelte und fragte: „Was meint ihr, wer ist es?“