„Muß es jemand sein?“ fragte der Maler.
„Ja,“ erwiderte Jason, „diese Griechen machten immer etwas, das etwas war.“
„Also vielleicht die Gorgo“, schlug Bogner vor. — Esther, die den Kopf nur umgekehrt, von oben, gesehen hatte, sagte, wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrend, die Gorgo wäre doch wohl wild und häßlich.
„Nun, nun,“ meinte Jason, „du vergißt ja die Rondanische. Denke auch an das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer. Ja, es könnte die Meduse sein; sie war ein geheimnisvolles Wesen, sie war nicht häßlich, ihr Anblick versteinte, das war ein Fluch, sie konnte nichts dafür; wenn sie schlief, war sie unschuldig, dann könnte sie so ausgesehen haben. Ich will es euch sagen,“ fuhr er fort, „denn ich selber hielt sie für die Gorgo, aber der junge Stupitzka hat mir gesagt, daß es eine Eumenide ist. Sie verfolgten den Orest, der seine Mutter erschlagen hatte, das wißt ihr ja, und als er sich eines Nachts in einen Tempel geflüchtet hatte, wohin ihm die Dämonen nicht folgen durften, lagerten sie sich draußen auf den Stufen und schliefen auch. Dies ist eine von ihnen.“
Es war nun eine Weile still, nachdem die dunkle und melodische Stimme verhallt war. Sie hörten den kleinen Schrei einer Lokomotive fern, und Magda, die wieder an ihrem Ausguck stand, und auch der Maler, der an ihrem Kopf vorüber hinaussah, bemerkten den kleinen Zug, wie er sich über die schnurgerade Linie des Bahndammes bewegte, und die weißen Rauchballen, die über die Weideflächen leicht davonsprangen, sich auflösend in die goldene Luft.
„Das finde ich nun schön,“ sagte Jason leiser: „auch die Erinnye schläft einmal. Was uns verfolgt und quält, einmal läßt es uns ruhen; auch das Quälende bedarf des Schlafs.“
Esther hatte einen lichtblauen Faden zwischen den Zähnen, zog ihn mit beiden Händen langsam hin und her, während sie irgendwohin blickte, in das verschwommene Grün der Wipfel hinter dem Grün des Glases, bis der Faden mit einem kleinen Ruck zerriß, und sie sagte eilfertig, von oben auf die Abbildung herunterblickend, wie ein Schwan auf sein Spiegelbild:
„Das ist — —, wenn ich so deine Worte höre: Auch die Erinnye schläft ... und dies Gesicht dabei sehe, dann steigt etwas daraus auf wie —“ Sie stockte und blickte erst zu Bogner auf, der noch immer betrachtete aus seiner Höhe, dann in Jasons Gesicht. Während ein Lächeln und das Erröten zugleich auf ihren Wangen langsam aufschwebte, war es ihr, als ob er magisch aus ihr herauszöge, was er sagte:
„Wie Legende, nicht wahr? Als gäbe es etwas zu erzählen.“ Da nickte sie zufriedengestellt, als würde er flugs anfangen, und begann einzufädeln.
„Das sagst du so,“ meinte Jason, „daß ich nun erzählen soll. Freilich ist da etwas, aber nun ist es bloß ein Anfang, und alles Übrige fehlt. Nun, vielleicht findet ihr selber es nachher, also setzt euch.“