Auch die Erinnye schläft.

„Wieder war alles still. Orestes lag ausgestreckt, so lang er war, die Arme überm Kopf fortgeworfen. Da schien das Tor sich zu bewegen, das Mädchen sprang auf und eilte zu ihrer Lampe, die einige Pulsschläge lang wieder in ihrer früheren Größe aufgerichtet stand, aber nun langsam erblaßte, denn die Torflügel falteten sich langsam auseinander, und draußen war das Mondlicht. Da war die Treppe, breit und schneeweiß, die Ebene, schattenlos, dunkel und doch erhellt vom unsichtbaren Mond in der Höhe, und jetzt sah Orest, das Haupt erhebend, daß neben der ersten Säule der Vorhalle über den Stufen eine dunkle Gestalt im Schatten hockte, ganz still; und als er hinunterblickte, entdeckte er eine zweite mitten auf der Treppe, ruhend wie eine Schlafende, ganz unten aber die dritte, hell im vollen Licht, in sich gesunken, im Schlaf.

„Orest stützte sich auf die Arme und stand auf. Sein Gesicht zuckte, als ob es in Weinen zerbrechen sollte, sein Haupt schwankte, er ging mit schweren Schritten zur Statue des Gottes und sank dort hin, den Rücken gegen das Postament gelehnt. Stracks durchdrang unbeschreibliche Müdigkeit magisch seine Glieder; sie lösten sich auf in Wonne der Schlaftrunkenheit, ein sanftes Prickeln bedeckte seine Seele wie ein vergehender Schaum, — so verging sein Leib. Er schluchzte tief, er sank tiefer in sich, er öffnete noch einmal die Lider, als müsse irgendwo etwas sein, nach dem noch hinzublicken sei, doch sah er nichts mehr als einen nächtigen Lichtschein, dann — ging ein Schritt, rauschte Gewand? — nur noch Finsternis, aus der eine Schattengestalt von fernher zwischen dunklen Wänden nahte und stillhielt. Er erkannte zwei dunkelsilberne Fittiche, zwischen ihnen den Schatten eines braunen Antlitzes und ein bläuliches Lächeln von Augen. Da fielen ihm die seinen zu, und er schlief.“

Jason schwieg. Im Zimmer stand jetzt die Dunkelheit, nur im höchsten der offenen Vierecke war der noch helle Himmel zu sehn; die Bäume rauschten im Dunkel unsichtbar; vor dem Fenster waren die lichten Gesichter der Drei, ganz weiß das Jasons mit den schwarzen Flecken der Augen, ein wenig dunkler das Esthers, Magdas ganz matt, kaum sichtbar über den andern. Wie Jasons Hände im Schoß ausruhten, so auch Esthers linke, während ihre rechte die Hand der Freundin gefaßt hielt, die über ihre Schulter herabhing. —

„Soll ich Licht machen?“ fragte Magda nach langer Zeit. Niemand antwortete. Aus dem Hintergrund scholl ein leichtes Pochen; der Maler klopfte seine Pfeife aus. —

„Es ist doch nicht zu Ende?“ fragte Esther.

„Ich weiß nicht.“ Jasons Schultern bewegten sich. „Das Antlitz der Eumenide erzählt eigentlich nicht mehr. Oder doch?“

„Und wie kam das Mädchen in deine Geschichte?“

Der Maler sagte aus dem Dunkel: „Sie haben von Schlangen gesprochen. Verwechseln Sie das nicht mit Asklepios?“

„Vielleicht,“ erwiderte Jason leicht, „obgleich ich persönlich überzeugt bin, daß die Schlange auch dem Schlaf heilig ist wegen seiner heilenden Kraft. Überdies ist die Schlange dasjenige Tier, das fast immer schläft, und schließlich dachte ich mir auch etwas Besondres dabei. Wie geht es aber weiter?“