„Ich sehe noch etwas“, fuhr er leise fort. „Ich sehe dies Marmorhaupt der Schläferin. Wer hat es gesehn? Der es gemacht hat, muß es gesehn haben, oder einer hat es ihm beschrieben. Orest vielleicht? Wann sah denn er es?“ Esther schlug vor: „Morgens früh, als er weiterging.“

„Sieh, Esther, was für richtige Sachen du denkst! Ja, da muß er es gesehen haben. Er erwachte vor Sonnenaufgang, erquickt und gestärkt. Die Ebene lag unter weißen Nebeln wie eine stille See, und —“ „Und das Mädchen, die Priesterin?“ fragte Magda. „Sie ist fortgegangen. Orest will nun gehn, spricht sein Gebet, da sieht er beim Hinaustreten, daß die Erinnyen noch dort sind und schlafen. Eilig will er vorüberschleichen und tuts, an der ersten, der zweiten, aber wie er unten bei der dritten angelangt ist, da ging inzwischen die Sonne auf, und er sieht ihr Gesicht, und daß sie braunes Haar hat, das ihn an andres Haar erinnert. Da bleibt er nun stehn und sieht ihr leise glänzendes Gesicht, wie ernst es ist, kaum lieblich und doch schön, die Brauen streng und groß, und daß sie unschuldig ist, wenn sie schläft, trotz der erloschenen Fackel neben ihrem Fuß, trotz des Dolches, den sie an die Brust drückt, und er kann sich nicht abwenden und redet leise Worte in die Höhlung ihres Ohrs, in den seltsamen Eingang zu der schlafenden, inneren Welt, indem er sich fragt, ob sein Flüstern wohl eindringe und drinnen zur Gestalt eines Traumes wird, die leuchtet, so daß die Wände der dunkelgoldenen Seelenhalle davon glänzen, oder vielleicht wie die freundliche Silberfigur des Gottes auf der Lichtung inmitten des dämmerweißen Säulenhains. Plötzlich — was erschrickst du?“

Esther, die leicht zusammengeschaudert war, schüttelte abwehrend den Kopf und sagte: „Nur die Fledermaus ... nur weiter!“

„Plötzlich“, fuhr Jason fort, „erblickt er den kleinen Kopf einer Viper, die, ins Haar versteckt, auch dort schlief die Nacht und nun hervorkommt bei der Wärme des Tages. Er wendet sich eilig und flieht.“

„Und dann?“ fragte Esther.

„Dann bleibt er nach ein paar Schritten noch einmal stehn und dreht sich zurück und sieht, daß sie sich aufgesetzt hat. Sie hebt die Arme und lächelt zu ihm; ihre Augen, erst noch geschlossen, öffnen sich schlaftrunken, sie stammelt, ihr Gesicht glüht über und über vom Sonnenaufgang, er starrt hin, da sinkt sie wieder zusammen, fröstelt, tastet nach einem Gewandzipfel und entschläft.“

Es schien nun still bleiben zu wollen im Raum. Magda erhob sich, trat an ihren Ausguck und sah im Dunkel den Horizont besteckt mit den Lichtern der Stadt, darüber die ersten, weißlichen Sterne im Raum. Vernehmlich rauschte das Wehr in der Ferne.

Esther hatte ihre zusammengefaltete Stickerei wieder auseinander genommen, die Farben leuchteten noch matt im Finstern, sie strich glättend mit dieser und jener Hand darüber und sagte endlich:

„Ich sehe noch etwas. Da ist solch ein Wiesental, so bunt wie dies hier am Tage ist, und — ich kann das nicht beschreiben, es ist etwa so wie auf Böcklins Bild, eine kleine blaue Quelle, die sich durch die Blumenböschungen schlängelt, herab von einem Hügel unter großen, schattigen Bäumen. Und dort liegt Orest und —“ sie stockte.

„Nun?“ mahnte Jason in guter Langmut, „was tut er dort? Ja, das weißt du nicht? Vielleicht meinst du, er wartet. Ja, am Ende wartet er.“