„Oder auch nur, weil es so schön dort ist ...“ sagte Esther mit einem kleinen Seufzer.
Über ihnen klang Magdas immer noch ein wenig matte Stimme, doch sehr gütig: „Als ich von den Toten wiederkam, die ich doch schon so nahe gesehn, durfte ich auch wieder in den Garten, nach all den schlaflosen Nächten, und das war gut. Freilich,“ setzte sie mit dunklerer Stimme hinzu, „sie stehn immer hinter uns.“ Und fast hart: „Sie sind ja die Unentrinnbaren.“
Eine Weile wars wiederum still, dann begann Jason:
„Ich glaube, daß er wartet. Er hat sich des Lächelns der Einen erinnert und beschlossen, sie zu erwarten. Er will sich zu ihren Füßen hinwerfen und bitten, daß sie ihn manchmal schlafen lassen. Er denkt, daß sie das nicht werden abschlagen können. Er fühlt sich so neu, kräftig und zu allem bereit, wenn nur etwas Hoffnung da ist.
„Und dann kommen sie nun. Ihm gegenüber ist der Tannenwald, aus dem der Weg hervorkommt, dem sie nahen, und die Jüngste geht voran. Er hält sich hinter einem Felsblock verborgen und sieht, wie sie nacheinander hervortreten und erfreut scheinen von der anmutigen Gegend. Zwei von ihnen legen sich im Tannenschatten ins Gras, aber die eine kommt bis zum Bach, kniet hin, legt Fackel und Dolch neben sich, bespiegelt sich und lächelt sich an. Da übermannt es ihn, und er tritt hervor.
„Wie er herabkommt, sieht sie auf und erschrickt. Sie greift nach ihren Waffen und erhascht den Dolch und springt auf, sieht ihn an, und da erkennt sie ihn nun; ihn, den sie ja zuvor nie, nur in jenem Augenblick des halben Wachens oder im Traum gesehn hat. Er sieht wohl schrecklich aus, in seinem grauen, zerfetzten Mantel, mit dem wirren, schwarzen Haar und dem gelben, eingeschrumpften Gesicht, aber seine Augen strahlen seltsam, und sie muß lächeln und streckt wieder die Arme aus, seufzt und stammelt etwas, und — was geschieht nun?
„Jetzt sieht er auf einmal alles schwarz umher werden. Schwarz jede Blume, schwarz das Gras, schwarz die Tannenwand, schwarz wie Marmor den Quell und schwarz den Himmel. Aus der Erde schauert es eisigkalt, und es durchschaudert sie. Sie windet sich seltsam, als werde sie unsichtbar ergriffen und nach unten gezerrt, ihr Lächeln, wie etwas Erdrosseltes, stirbt, sie öffnet die Lippen, will schreien, da fühlt sie, daß sie hinunter muß, sie verzweifelt, sie zuckt, da erblickt sie ihren Dolch, sie ringt sich noch ein Lächeln ab, erfaßt eine Strähne ihres braunen Haares, sie schneidet zu, sie trennt die Locke, sie wirft sie gegen sein Gesicht hin, das ihr noch glänzt. Langsam nun, blaß und blässer, wie ein farbloser Regenschauer, gleitet sie hinunter in den schwarzen Quell; ihre Füße, ihre Hüften, ihre Schultern verschwinden, noch schwebt ihr schmerzliches Gesicht, lächelnd mit einer späten Qual über dem Schwarzen, und erlischt darin.
„Hades rief sie hinunter. Sie hatte vergessen, wer sie war, vergessen den Haß und Tartaros, ihren Ursprung; da zog er sie zu sich herab. Und er —
„Er warf sich über die Stelle hin, wo sie versunken war, griff in die Flut und — nun, Esther?“
„Er faßte — er erfaßte die großen Büschel schwarzer Iris, die rund herum aufgeschossen waren, und —“