„Und es ward langsam wieder hell um ihn, alles ward wie vorher, dort aber, wo der Weg in die Tannenwand schwindet, haben sich die beiden Schwestern aufgestellt, gleichmütig, gegürtet, abwartend.

„Er aber, schwer aufstehend, gewahrt einen braunen Falter, rostrot glänzend im Sonnenlicht, der gegen ihn fliegt, seinen Mund berührt und zurückbebt und davon und wieder heran und über seine Stirn hin und wieder fort und noch einmal heran, einen Kreis windend um seine ausgestreckte Hand und jetzt fort, auf und nieder, hierhin und dorthin schaukelnd, den Weg hinab und zwischen den Tannen fort. Er aber, wie an einem goldenen Faden nachgezogen, folgt, ein wenig staunend, ein wenig lächelnd, sich vergessend. Er sieht die Schwestern dastehn, er will zwischen ihnen hindurch, er erschrickt, es stehen da zwei schweigsame Fichten links und rechts vom Wege, ernsthaft, auf ihn heruntersehend, dieweil vor ihm das rostrote Blatt in der Sonne im Tannengang leuchtet, und er folgt.“

Obwohl Jason schwieg, schien es den Andern, als halte er nur inne und bedenke die kommenden Worte. Schließlich fragte die Stimme des Malers aus dem Finstern: „Ist das alles?“

„Die Erinnyen sind ja fort“, sagte Jason, während gleichzeitig Esther ein tief ungläubiges „Oh nein!“ hervorstieß.

Jason schwieg und sagte nach einer Weile leise: „Kinder! Was denkt ihr denn nun?“

Esthers Gesicht, der weiße Schein davon, war verschwunden; an ihrer Stimme konnten die Andern hören, daß ihre Hände davor waren; sie bat:

„Mach ihn heil, Jason! Die Wunden von ihren Dolchen werden wieder aufbrechen, und das Gift ... Mach ihn ganz heil!“

Und auch Magda erklärte mitleidvoll: „Er war doch unschuldig. Daß er die Mörderin seines Vaters erschlug, das war fromm, und die Götter wollten es. Ich meine —“ sie rang mit den Worten, „es giebt Sünde und Sühne, Bös und Gut, aber es ist nichts einzeln davon, Eines wohnt immer im Andern, und Orestes büßte lange und wurde schließlich befreit — wenn ich mich recht erinnere ...“ schloß sie zaudernd.

„Es kommt vor,“ hörten sie den Maler von fern, „wenn ich ein Bild machen will, daß ich meine, es müßten zwei gemalt werden. Nicht wegen der Stimmung in der Natur oder so, sondern —, etwa, wenn ich einen Kranken malen wollte, so müßte ich auch einen Gesunden machen, damit man sieht, was all das heißt. Allerdings,“ setzte er, sich räuspernd, hinzu, „das darf nicht sein, obgleich ich mich einmal nur schwer entschließen konnte, denn“, schloß er bedachtsam, „Kunst ist für sich und giebt Gesetze.“

„Orest kam nun,“ fuhr Jason fort, nachdem er Bescheid erhalten, „Orest kam nun, dem Schmetterling folgend, am neuen Abend wieder zu einer Treppe und zu einem Tempel. Schön leuchteten sie beide von weit, Stufen, Säulenreihn und farbiges Dach, aber der Weg war nicht gut gewesen, alle Wunden brannten wieder, auch die Füße, und oft mußte er stehen bleiben, wenn er hinter sich das alte Zischeln und Raunen zu hören glaubte, auch begriff er nicht, weshalb er hinter diesem schaukelnden Blatt einherging. Nun aber sah er die Treppe und erkannte sie gleich, auch das Mädchen, das auf der untersten Stufe saß, gebückt, als betrachte sie etwas in ihrem Schoße. Wie er näher kam, schaute sie auf, und da sah er den Falter mit Heftigkeit gegen ihre Lippen fliegen, worauf er augenblicklich in ihrem Haar verschwand. So ging er auf sie zu, die still saß und ganz wenig lächelte.