„Was tust du hier?“ fragte er, indem er bemerkte, daß sie ihre Silberschale voll Milch mit beiden Händen im Schoß hielt. „Still!“ sagte sie, „bleib ruhig stehn! Sie müssen gleich kommen.“ Und sie pfiff ganz leise zwischen den Zähnen. Alsbald raschelte es im Gebüsch neben dem linken Treppenkopf, und zwei Schlangen, so lang wie ein Arm jede, die eine dunkelbraun, die andre dunkelblau schillernd, kamen hervor, glitten herbei, kletterten links und rechts von der Sitzenden die Stufen empor und begannen von der Milch zu schlürfen. „Erkläre mir dieses!“ sagte Orest.

„Dies“, erklärte das Mädchen, „sind die heiligen Schlangen. Zwei Schlangen trägt der Gott des Schlafs, eine giftige und eine gute. Die giftige träufelt bösen Seim auf das Herz der Bösen, die gute aber ringelt sich über dem Herzen der Guten zusammen und macht es kühl.“

„Oh,“ sagte er enttäuscht, „so giebt es doch Böse und Gute!“

„Jeder,“ sagte sie leise, „jeder ist jedes zu dieser und jener Zeit.“

„Und eine von diesen ist also giftig?“ fragte er.

„Diese nicht,“ sagte sie lächelnd, „sie stellt ja nur eine giftige vor.“ Orestes beugte sich, um die braune zu streicheln, da zückte ihr Kopf empor, und schon hing sie an seiner Hand. Schnell packte er mit der Linken in das Haar des Mädchens, bog ihren Kopf zurück und schrie: „Jetzt erkenne ich dich! Du bist —“ Da er einhielt, sagte sie leise, den Kopf zurückbiegend, um seinen Griff zu erleichtern: „Wer soll ich denn sein?“ Und während er noch, heftig atmend, die Zähne in der Lippe, in dies Antlitz starrte, das ihm gar zu ähnlich dem andern schien, das versank, hörte er sie, auf die Schlange deutend, flüstern: „Sieh doch, sie saugt ja!“ Plötzlich fühlte er eine rieselnde Erleichterung durch seine Glieder strömen; wonnig aufgelöst stand er und blickte auf das Tier herab, das von seiner Hand hing wie ein brauner Riemen, glaubte zu sehn, wie die Wunden seiner Füße sich schlossen, seine Brust sich schloß, und stammelte endlich, halb lachend, halb schluchzend, seine Worte von vorhin: „Erkläre mir dieses, Kind!“

Sie nahm seine Hand aus ihrem Haar, gab sie ihm zurück und sprach:

„Zwei Schlangen, Gastfreund, eine giftige, eine gute. Hast du nie gehört, daß alle Dinge verschwistert sind? Vielleicht war ich selbst eine Schwester und habs nicht gewußt. Ja, vielleicht bin ich eine Schwester von der, die du — sieh!“ unterbrach sie sich.

Die Schlange, auf die ihre Augen wiesen, war heruntergefallen, lag einen Augenblick still, ringelte sich ein paar Schritte hinweg, rollte sich zusammen und lag in der Sonne, blinzelnd. Die andre aber schlich herbei und legte sich schön darüber, so lang wie sie war.

„Ich glaube,“ schloß Jason mit Bedacht, „Orest konnte jetzt zu der Gottheit hineingehn, um zu zeigen, daß er rein war.“