Die Säule klingt; die dunkle Wölbung schwindet;

Gestirne wandern über Wäldern fort. —

Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort,

Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.

Renate, die Augen hebend vom letzten Wort, verwunderte sich, keine Dunkelheit, sondern nur die Dämmerung um sich her zu finden, die vom ohnehin trüben Tage durch das verschleierte Glas bewirkt wurde. Während ihre Lider sich zusammenzogen, sah sie immer größer den fernen gotischen Bogen ragen, und nun war es ein Tor; es schien ausgefüllt vom unendlichen Grün einer Ebene, und winzig klein auf ihr erschien eine schwarze Gestalt — Josef —, die mit rasender Geschwindigkeit daherfuhr, ohne jedoch größer zu werden, und Renate empfand, daß die Gestalt nicht mehr an die Zeit gebunden war, sondern außerhalb ihrer dahinjagte wie ein Gestirn. Alsbald aber spürte sie, daß sie an ihrem eigenen Blick hing, daß der an ihr zog, und sie zwang ihn zu Kraft und Willen, zog mit ganzem Dasein, — allein die Gestalt blieb so klein, wie sie war, und auf einmal war da das Fenster.

War es wieder da? fragte Renate sich betäubt. Aber so war es doch nie? War doch immer nur — Erscheinung? Wann hätte ich je selber hineingegriffen? — Der Gedanke aber, Josef stehe unten und warte, daß sie ihn einlasse, überfiel sie mit solcher Gewalt, daß sie sich kaum halten konnte im Stuhl, gequält vom Reiz, das Fenster zu öffnen, was ja nicht möglich war, da nur die kleinen Quadrate sich auftun ließen.

Warum denn nur, mein Gott, warum kann ich ihn nicht rufen?

Nein, fuhr sie auf, nein! Er soll nicht meinetwegen kommen! Wenn er denn kein Herz hat für den Vater, — was könnte dann auch sein Kommen auswirken? — Und sich zur Ruhe zwingend, lenkte sie die Augen wieder auf den Schluß der Legende, über den sie schon, ganz im Gedanken an Josef, nur hingeglitten war, und las noch einmal: ‚Das Gute ist doch stets in der Minderzahl‘ und dann die Verszeilen:

‚Gestirne wandern über Wäldern fort. —

Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort ...‘