Georg brauchte eine Weile, bis er hinter den Zähnen hervorbrachte: „Zehneinhalb!“ mit alles vergessender Traurigkeit nun an ihren brauenlosen Augen haftend und sehr zu fragen versucht: Hast du denn so gelitten, daß du gar nicht mehr weißt, was Leid ist, und nichts empfindest bei solchen Erinnerungen? —

Dann ermannte er sich, lachte, wiederholend: „Zehneinhalb! das muß Onkel Salomons Handschuhnummer sein! Wie gehts denn dem Alten?“ und sprang ab. Er hängte die Trense hinter den Bügelriemen ein, gab Unkas einen Klaps auf die fletschende Zunge, daß er unwillig zurückfuhr, und setzte sich neben Magda in Bewegung, dem Wallach es, wie ers gewohnt war, überlassend, ob er mitkommen oder stehen bleiben wollte. Er kam ja doch immer ...

Sie gingen still. Zehn Schritte weiter hörten sie Unkas, der nachgetrabt kam, bis er mit dem Maul an Georgs Schulter stieß, zum Zeichen getreulichen Vorhandenseins. Jason sagte: „Das gute Pferd.“

Erst Augenblicke später fühlte Georg ein zartes Lächeln in sich aufquellen, wie seltsam bestimmt, sanft und bedeutungsvoll es geklungen hatte: Das gute Pferd ... Er spähte verstohlen an Magda vorüber auf Jason, der vor sich hin ging. Alles war ein wenig krumm an ihm, Genick, Rücken und Knie; die schwarzen Augen aber bewegten sich glanzvoll, lebendig und mit Gelassenheit umher.

Und währenddes hörte er sich Magda nach ihrem Vater fragen, hörte sie irgend etwas Unbestimmtes antworten, dann weitersprechen, von Krankheit, ihrem Gesangslehrer und einer Musikvorlesung, die sie in der Universität hörte, und daß sie Georg einmal von weitem dort gesehen hatte. Wie es ihm denn ginge ... Er sehe gar nicht gut aus ...

„Ach mit mir ist nichts mehr los, Anna“, sagte er gedankenlos.

„Ach Georg!“

„Ich bin wieder aktiv geworden.“ Er sah starr geradeaus. Sie blieb stumm.

Das dauerte eine Weile, bis Georg aus den Anlagen zur Rechten die Front des Schlößchens schimmern sah, worauf er sich zusammennahm und fragte, ob die Beiden nicht seine Wohnung anschauen möchten; sie sei eben fertig geworden. Und dann könnten sie ja auch Benno besuchen und sehn, wie er Glück strahlte. — Magda nickte, sie bogen ab, durchschritten die Allee und wanderten um das Rasenrund.

Dann sagte Georg aus halber Besinnungslosigkeit, ohne die Worte unterdrücken zu können: