„Gott sei dank. Also dann, Tozzi,“ fuhr Georg leise fort, „nur eins, nicht wahr, was ich immer schon sagte: nie einfallen, wenns nicht unbedingt notwendig ist, — Abfuhr oder so. Ich — ja um Gottes willen, Rudi, bring mir bloß die Speere nicht durcheinander, nicht wahr! Ja, welchen hab ich denn nun eigentlich ausgesucht? Gieb den noch mal her! den, wo du grad — — nicht den! den andern! Sakrament noch mal, ihr Füchse seid eine Gesellschaft, nicht wahr!“
Bei dem Lufthieb aber, den er mit dem empfangenen Speer ausführte, hätte er sich ums Haar das Handgelenk verrenkt; es schmerzte, und das war ein Omen. Georg fluchte leise und sagte, er nähme den andern, Ellerau sollte ihn in der Hand behalten. — Der erklärte hochherzig, er testierte Georg ja sowieso, worüber sein großer Bruder hereinkam und sich wunderte, daß Georg noch nicht fertig war.
„Die Brille, Tozzi“, sagte Georg beklommen. Der Augenblick, wo das blindmachende, tränenerregende Eisengestell mit Drahtvergitterung um den Schädel geschnallt wurde, war jedesmal der schlimmste.
„Was wolltest du mir denn noch sagen?“ hörte er Tozzi fragen, der gleichzeitig sanft den Brillenbügel — der Gute hatte ihn zuvor mit Watte umwickelt — auf Georgs Nasenwurzel legte. Es ward dämmrig vor Georgs Augen, dann fühlte er, wie unendlich behutsam die Schnalle am Hinterkopf zugezogen wurde und — nicht ohne leise Rührung, daß Tozzis Linke die kurzen Haare, um sie nicht einzuklemmen, nach oben strich. Die Riemen zogen sich zusammen, langsam, weich, dann ein kleiner Ruck; die Brille saß. Wundervoll!
„Ja — also du weißt ja, nicht wahr! Ich ziehe beim ersten Hiebe immer nur an, nicht wahr, komme also erst beim dritten, nicht wahr, auf Terz heraus und dann mit der Hakenquart. Von der Uhlenburg bolzt zwar sicher, aber für alle Fälle, nicht wahr — nicht einfallen! auch wenn du mal Blut — — Also kanns losgehn?“
Der Raum war jetzt gedrängt voll stehender Korpsleute aller Farben; Georg wurde durch die Mauer geschoben und geführt, fand sich plötzlich — was ihm ein leichtes Leeregefühl in der Magengegend versetzte — vor der leeren Saalmitte voll blutfleckiger Sägespäne, fünf Schritt gegenüber seinem Gegner, der puppensteif auf einem Stuhl hockte, das Gesicht halb verdeckt von der eisernen Brille, an der noch ein Nasenblech saß, den rechten Ellbogen auf dem hochgestützten Knie seines Testanten, so daß die Schlägerklinge senkrecht emporstand. Und indem Georg merkte, daß ihm von hinten ein Stuhl untergeschoben wurde, hörte er durch das gedämpfte Stimmengemurmel ruhig und vernehmlich sagen: „Silentium für die Mensur.“
Mein Leder! dachte Georg und vernahm, sich nach links wendend, gleichzeitig Tozzis tiefe Stimme: „Mein Paukant ist noch nicht fertig. Das Leder fehlt. — Ist es groß genug?“ fragte er, Georg die handtellergroße, lederbezogene Platte von Eisenblech an ihren schwarzen Bändern vorhaltend. „Ich denke“, erwiderte er, aber nun gabs erst Aufenthalt. Der Unparteiische trat herzu. Andere von beiden Seiten steckten die Köpfe vor, alle wollten das „überlebensgroße Leder“ sehen, das „Geburtstagsleder“, wie eine Stimme sagte, bis der Arzt kam, Georg den Kopf senken ließ, kaltfingrig auf der nackten Stelle tastete und das Leder für ordentlich erklärte. Bis es über den noch unvernarbten Wunden festgebunden war, verging noch eine Minute, und Georgs Arm mit der Waffe auf der Schulter des Fuchsen war unterweil lahm geworden.
Endlich trat gegenüber der Sekundant vor seinen Fechter und erklärte, die Drahtmaske vom Gesicht lüftend, sein Paukant trete mit Nasenblech an wegen Nasenoperation; worauf Tastozzi — plötzlich überaus schlank und kraftvoll erscheinend, die Drahtmaske ritterlich im Arm, die Klinge schräg nach unten — das Leder verkündete.
Georg schöpfte tief Atem; gleichwohl haftete die Bedrängnis in seiner Brust.
„Silentium für die Mensur.“